Posts Tagged 'Soziologe'

Presse und Blogs zu Ralf Dahrendorfs Tod

von Martin Booker

Die Woche aus soziologischer Sicht wurde von der traurigen Nachricht dominiert, dass Ralf Dahrendorf, einer der großen Soziologen und öffentlichen Intellektuellen unserer Zeit, am Mittwoch verstorben ist.  Statt einem Wochenrückblick gibt es daher eine kleine Zusammenstellung der gelungensten Nachrufe und Würdigungen.

Thomas Hauser in Dahrendorfs heimatlicher Badischen Zeitung: Trauer um Lord Ralf Dahrendorf

Christian Geyer in der Frankfurter Allgemeinen: Der Denker als Lebensvorbild

Johan Schloemann in der Süddeutschen: “Deutschland ist zuweilen unerträglich”

Thomas Kielinger in der WELT: Ralf Dahrendorf – Der Vordenker des Liberalismus

Klaus Leggewie in der Frankfurter Rundschau: Über die Grenze

Theo Sommer in der ZEIT: Der ewige Grenzgänger

Jan Fedderson in der taz: Die liberale Autorität

Auch die Blogosphäre reagierte, so z.B. Handakte WebLAWg, antibuerokratieteam.net, il mondo nuovo, Der Morgen, Side Effects, Med-Easy Portal, orderfromnoise, Soziologie und ihre mediale Aufmerksamkeit. Besonders lesenswert ist Oliver Marc Hartwichs Artikel in ‘Die Achse des Guten’, in der er über seine eigene Begegnung mit dem Lord berichtet.

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Ralf Dahrendorf ist gestorben

Ralph Dahrendorf

Ralf Dahrendorf im Jahr 2003 / creative commons licence by wikipedia - some rights reserved

von Martin Booker, Stefan Spiess und Christoph Brey

Gerade wollten wir uns an eine kleine Würdigung zu Jürgen Habermas’ 80. Geburtstag machen, als uns die traurige Nachricht ereilte, dass Lord Ralf Dahrendorf am Mittwoch Abend nach schwerer Krankheit gestorben ist. Erst vor wenigen Wochen hatte er seinen 80. Geburtstag unter Freunden in Oxford gefeiert, Habermas unter den Festrednern.

Dahrendorf [wiki] war einer der bedeutendsten Intellektuellen der deutschen Nachkriegszeit. Viele heutige Soziologen verdanken ihm und dem berühmten ‘Dahrendorf-Häuschen’, mit dem in zahlreichen Schulbüchern die soziale Schichtung der Bundesrepublik erklärt wird, ihren ersten Kontakt mit der Soziologie. Aber auch durch die Begriffsschöpfung des ‘homo sociologicus’, durch seine Beiträge zur Rollentheorie und Konfliksoziologie, sein intellektuelles und politisches Engagement, durch seine Tätigkeit als Staatssekretär und die Forcierung des BAFöG unter seiner Ägide, wirkte Dahrendorf wie kaum ein Anderer auf Soziologie und Gesellschaft zugleich.

Spätestens ab 1974, als Dahrendorf die Leitung der renommierten London School of Economics and Political Science übernahm, führte er eine deutsch-britische Doppelexistenz und erwuchs auf beiden Seiten der Nordsee zu einem geschätzten öffentlichen Intellektuellen. 1993 wurde er von der Queen ins House of Lords berufen und wählte den Titel Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminster – Zeugnis seines anglisierten Humors, denn Clare Market ist der geschätzte Parkplatz der LSE.

Dahrendorf plädierte stets für ein öffentliches Engagement von Wissenschaftlern und gegen die Elfenbeinturm-Mentalität, die sich in vielen Lagern breit gemacht hat. Seine Forderung wurde auch für uns wichtig, eine der Inspirationen für das Weblog homosociologicus.de, und ein Ansporn, uns, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, öffentlich zu engagieren. Wiederholt wurden einige seiner Ideen hier ausführlich und teils kontrovers diskutiert.

Ralf Dahrendorf wurde 80 Jahre alt, blieb aber im Herzen immer 28, wie er erst kürzlich zu verstehen gab [WELT]. Mit ihm verliert die Welt einen großen und inspirierenden Soziologen, Politiker und Menschen.

Die abschließenden Worte gebühren Lord Anthony Giddens. Gegenüber der Badischen Zeitung, der Dahrendorf lange Jahre als Berater zur Verfügung stand, gab er zum Anlass von Dahrendorfs 80. Geburtstag einen Eindruck von Dahrendorfs Persönlichkeit:

Dahrendorf war ein Vorbild für mich an vielen Punkten meiner Laufbahn. Seine Bücher waren Munition für alle, die versuchten, aus der dominanten Sicht der damaligen Soziologie auszubrechen. Er hat es immer wieder geschafft, die politische Debatte jenseits der Akademiegrenzen zu beeinflussen. Als ich ihm in der LSE-Leitung folgte, gab er mir überaus nützlichen Rat. Er widerstand übrigens immer der Versuchung, eine “Schule” zu begründen, Ausdruck seines Liberalismus und seines Willens, jedes Dogma in Frage zu stellen.

Rest in Peace, Ralf Dahrendorf!

Stefan, Christoph und Martin

Ralf Dahrendorf zum Geburtstag

Posted by Martin Booker

Ralph Dahrendorf / Wikipedia creative commons

Herzlichen Glückwunsch und Happy Birthday von unserer Seite an Ralf Dahrendorf. Der engagierte Wissenschaftler wurde am 1. Mai 1929 geboren und wird heute 79 Jahre alt. Es wäre müßig, all seine Verdienste und alle Stationen seines Lebens an dieser Stelle aufzuführen. Doch wer kann schon von sich behaupten, Mitglied des Deutschen Bundestages, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, EG-Kommissar, Direktor der London School of Economics and Political Science, Mitbegründer der Universität Konstanz und als Baron Dahrendorf of Clare Market Mitglied des britischen Oberhauses gewesen zu sein bzw. immer noch zu sein? Ach ja, mit 16 Jahren hat er sich mit dem Nazi-Regime angelegt und ein sehr geachteter Soziologe ist er natürlich auch, der Baron! Er hat uns das Dahrendorf-Häuschen beschert, Wege aus Utopia gewiesen und nicht zuletzt das Konzept des homo sociologicus nahe gebracht.

Mehr über Dahrendorf z.B. in diesem Wikipedia-Artikel (mit zahlreichen Links). In diesem taz-Interview aus dem April 2008 spricht er über die 68er, die 72er und warum es soziologisch gesehen am besten wäre, wenn Deutschland bei der EM im Sommer bereits in der Vorrunde ausscheidet. In diesem ZEIT-Interview von 2005 spricht er über Deutsche Illusionen. Eine kleine Sammlung von kurzen Essays des umtriebigen Liberalen gibt es auf dieser Seite.

Für eingefleischte Fans und solche, die es werden wollen gibt es schließlich ein etwas älteres, aber äußerst einsichtsreiches 50-minütiges Video-Interview im Rahmen der Berkeley Conversations with History. Dahrendorf ist zur Zeit Forschungsprofessor am Wissenschaftskolleg Berlin und Vorsitzender der Zukunftskommission des Landes Nordrhein-Westfalen.

Ralf Dahrendorf, alles Gute zum Geburtstag und hoffentlich viele weitere produktive Jahre!

Emile Durkheim zum 150. Geburtstag

Emile Durkheim / Wikipedia creative commons

Posted by Martin Booker

Bon anniversaire, Émile Durkheim! Der große Soziologe erblickte am 15. April 1858 das Licht der Welt und wäre heute 150 Jahre alt geworden. Mit seinen Regeln der soziologischen Methode, seinen Studien über die soziale Arbeitsteilung und die elementaren Formen religiösen Lebens legte er die Grundlagen für eine vornehmlich strukturalistisch-funktionalistische Soziologie, die etwa in den Werken Marcel Mauss’, Claude Levi Strauss’, Michel Foucault oder Pierre Bourdieu widerhallt. Talcott Parsons, Edward E. Evans-Pritchard, Anthony Giddens oder in Deutschland René König und Alphons Silbermann sahen und sehen sich ebenfalls in der Tradition des großen Denkers.

Meine erste Begegnung mit Durkheim war “der Selbstmord”, der im ersten Semester im Einführungskurs “Soziologische Theorie” zu den gelesenen Pflichttexten gehörte und der wohl beispielhaft ist für die Stärken der Durkheim’schen Soziologie. Er weist darin eindrucksvoll und mit empirischen Methoden nach, wie selbst eine Entscheidung, die wir für gewöhnlich für eine höchst persönliche Angelegenheit halten, in hohem Maße unter dem Einfluss von gesellschaftlichen Faktoren steht.

Die Selbstmordrate variiert je nach Religion, sozialer Schicht, bis hin zum Wetter und der wirtschaftlichen Situation des Landes. Was heute fast wie eine Selbstverständlichkeit klingt, hat Durkheim 1897 erstmals systematisch nachgewiesen. Ich persönlich fand den Nachweis am beeindruckendsten, dass es in Kriegszeiten weniger Selbstmorde gab als zu Friedenszeiten – Durkheim führte dies auf einen verstärkten sozialen, nationalen Zusammenhalt zurück. Berühmt geworden ist aus diesem Werk auch seine Klassifizierung von egoistischem, anomischen, altruistischen und fatalistischen Selbstmord, sowie das Konzept der Anomie, das er hier eingeführt hat.

Schon früh fing ich das Durkheim-Feuer und beschäftigte mich bald mit seiner Religionssoziologie, las über seine Interpretation der Totem-Religionen Australiens, einem Land, das er nie betreten hatte. Durkheim legte hier die Grundlagen einer funktionalistische Lesart von Religion, die bis heute eine Herausforderung für jeden Theologiestudenten darstellt.

Für aktuelle Diskurse besonders interessant ist Durkheims Werk über die Soziale Arbeitsteilung aus dem Jahr 1893. Der große Denker beschrieb, wie sich unter den Bedingungen zunehmender Arbeitsteilung auch ein stärkerer Individualismus herausbildete. Dabei kam es, so Durkheim, zu einer paradoxen Situation: Denn einerseits führte die Ausdifferenzierung und Spezialisierung zu immer individuelleren Lebensbereichen und förderte individualistische Persönlichkeitmerkmale. Andererseits war der Einzelne immer stärker von den Anderen und deren ausdifferenzierten Arbeitsleistungen abhängig. Freisetzungsprozesse einerseits, neue Abhängigkeiten andererseits – der geneigte Leser soll selbst entscheiden, wer tatsächlich als geistiger Vater der aktuellen Individualisierungsdiskussion gelten darf!

Dieses kleine Artikelchen kann die großen Verdienste dieses großen Soziologen nur anschneiden und keineswegs ausreichend würdigen. Ich verweise daher auf den guten Artikel in Wikipedia mit weitergehenden Literaturverweisen und das Emile Durkheim Archive, einer Seite, die sich dem Altmeister gewidmet hat, seine Schlüsselkonzepte vorstellt und reichlich mit Durkheim-Zitaten würzt (englischsprachig). Um weitere Links zu interessanten Durkheim-Seiten wäre ich sehr dankbar.

Émile Durkheim starb am 15. November 1917 im Alter von 59 Jahren.

Bildquelle: Wikipedia


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