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Ralf Dahrendorf ist gestorben

Ralph Dahrendorf

Ralf Dahrendorf im Jahr 2003 / creative commons licence by wikipedia - some rights reserved

von Martin Booker, Stefan Spiess und Christoph Brey

Gerade wollten wir uns an eine kleine Würdigung zu Jürgen Habermas’ 80. Geburtstag machen, als uns die traurige Nachricht ereilte, dass Lord Ralf Dahrendorf am Mittwoch Abend nach schwerer Krankheit gestorben ist. Erst vor wenigen Wochen hatte er seinen 80. Geburtstag unter Freunden in Oxford gefeiert, Habermas unter den Festrednern.

Dahrendorf [wiki] war einer der bedeutendsten Intellektuellen der deutschen Nachkriegszeit. Viele heutige Soziologen verdanken ihm und dem berühmten ‘Dahrendorf-Häuschen’, mit dem in zahlreichen Schulbüchern die soziale Schichtung der Bundesrepublik erklärt wird, ihren ersten Kontakt mit der Soziologie. Aber auch durch die Begriffsschöpfung des ‘homo sociologicus’, durch seine Beiträge zur Rollentheorie und Konfliksoziologie, sein intellektuelles und politisches Engagement, durch seine Tätigkeit als Staatssekretär und die Forcierung des BAFöG unter seiner Ägide, wirkte Dahrendorf wie kaum ein Anderer auf Soziologie und Gesellschaft zugleich.

Spätestens ab 1974, als Dahrendorf die Leitung der renommierten London School of Economics and Political Science übernahm, führte er eine deutsch-britische Doppelexistenz und erwuchs auf beiden Seiten der Nordsee zu einem geschätzten öffentlichen Intellektuellen. 1993 wurde er von der Queen ins House of Lords berufen und wählte den Titel Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminster – Zeugnis seines anglisierten Humors, denn Clare Market ist der geschätzte Parkplatz der LSE.

Dahrendorf plädierte stets für ein öffentliches Engagement von Wissenschaftlern und gegen die Elfenbeinturm-Mentalität, die sich in vielen Lagern breit gemacht hat. Seine Forderung wurde auch für uns wichtig, eine der Inspirationen für das Weblog homosociologicus.de, und ein Ansporn, uns, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, öffentlich zu engagieren. Wiederholt wurden einige seiner Ideen hier ausführlich und teils kontrovers diskutiert.

Ralf Dahrendorf wurde 80 Jahre alt, blieb aber im Herzen immer 28, wie er erst kürzlich zu verstehen gab [WELT]. Mit ihm verliert die Welt einen großen und inspirierenden Soziologen, Politiker und Menschen.

Die abschließenden Worte gebühren Lord Anthony Giddens. Gegenüber der Badischen Zeitung, der Dahrendorf lange Jahre als Berater zur Verfügung stand, gab er zum Anlass von Dahrendorfs 80. Geburtstag einen Eindruck von Dahrendorfs Persönlichkeit:

Dahrendorf war ein Vorbild für mich an vielen Punkten meiner Laufbahn. Seine Bücher waren Munition für alle, die versuchten, aus der dominanten Sicht der damaligen Soziologie auszubrechen. Er hat es immer wieder geschafft, die politische Debatte jenseits der Akademiegrenzen zu beeinflussen. Als ich ihm in der LSE-Leitung folgte, gab er mir überaus nützlichen Rat. Er widerstand übrigens immer der Versuchung, eine “Schule” zu begründen, Ausdruck seines Liberalismus und seines Willens, jedes Dogma in Frage zu stellen.

Rest in Peace, Ralf Dahrendorf!

Stefan, Christoph und Martin

Übersetzer gesucht. Sprachen: Deutsch, Akademisch

Katharina Kaiser unterzieht die wissenschaftliche Blogosphäre einer linguistischen Analyse.

Ralph Dahrendorf hat in seiner Rede zum 40. Geburtstags des WZB einen wichtigen Appell hervorgebracht, in dem er sagt, die Wissenschaft müsse der Öffentlichkeit nicht nur zugänglich gemacht, sondern deren dynamischer Austausch untereinander auch bewusst gefördert werden. Seiner Ansicht nach seien hier weniger die Fachzeitschriften als die allgemeinen Medien wichtig. Bei der Frage, wie die heutige Wissenschaft in Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet mit der Öffentlichkeit kommuniziert, glaube ich auf eine Unerhörtheit gestoßen zu sein. Continue reading ‘Übersetzer gesucht. Sprachen: Deutsch, Akademisch’

Ralph Dahrendorf über öffentliche Intellektuelle

von Martin Booker

Eben entdeckt, dass WELT ONLINE Ralph Dahrendorfs Rede zum 40. Jubiläum des Wissenschaftszentrums Berlin  am 18. Februar 2009 veröffentlicht hat. Dahrendorf spricht dabei über den Rückzug der Sozialwissenschaftler in ihre eigenen Welten und Bezugsgruppen seit den 60er Jahren, und über seinen Wunsch, dass der Typus “öffentliche/r Intellektuelle/r” wieder an Prominenz gewinnt:

Das Wort “Wissenschaftler” bedarf dabei einer Korrektur: Sie sollten sich nämlich als Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis betätigen, also als öffentliche Intellektuelle. Dazu sind weniger die Fachzeitschriften als die allgemeinen Medien hilfreich. Vor allem aber müssen öffentliche Intellektuelle die Berührungsängste ablegen, die sie am öffentlichen Wirken hindern.

Auf unser Anliegen übersetzt heisst dies: Mehr Wissenschaftler in die Blogosphäre! Weniger Elfenbeinturm und mehr zivilgesellschaftliches Engagement! Erkenntnisse gewinnen und die Öffentlichkeit an diesem Gewinn beteiligen!

Die kurze wie einsichtsvolle Rede gibt es auf dieser Seite bei WELT ONLINE. Fast scheint mir, als hätte Dahrendorf bei uns abgeschrieben. 😉

Dahrendorf selbst hat sich übrigens auch schon am Bloggen versucht: Ralph Dahrendorfs Blog im Project Syndicate.


Willkommen! Auf dieser Seite verlassen Soziolog/inn/en den Elfenbeinturm und führen öffentliche Experimente mit soziologischen Gedanken, Konzepten und Sichtweisen durch.

I am a hard bloggin' scientist. Read the Manifesto.

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