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Presse und Blogs zu Ralf Dahrendorfs Tod

von Martin Booker

Die Woche aus soziologischer Sicht wurde von der traurigen Nachricht dominiert, dass Ralf Dahrendorf, einer der großen Soziologen und öffentlichen Intellektuellen unserer Zeit, am Mittwoch verstorben ist.  Statt einem Wochenrückblick gibt es daher eine kleine Zusammenstellung der gelungensten Nachrufe und Würdigungen.

Thomas Hauser in Dahrendorfs heimatlicher Badischen Zeitung: Trauer um Lord Ralf Dahrendorf

Christian Geyer in der Frankfurter Allgemeinen: Der Denker als Lebensvorbild

Johan Schloemann in der Süddeutschen: “Deutschland ist zuweilen unerträglich”

Thomas Kielinger in der WELT: Ralf Dahrendorf – Der Vordenker des Liberalismus

Klaus Leggewie in der Frankfurter Rundschau: Über die Grenze

Theo Sommer in der ZEIT: Der ewige Grenzgänger

Jan Fedderson in der taz: Die liberale Autorität

Auch die Blogosphäre reagierte, so z.B. Handakte WebLAWg, antibuerokratieteam.net, il mondo nuovo, Der Morgen, Side Effects, Med-Easy Portal, orderfromnoise, Soziologie und ihre mediale Aufmerksamkeit. Besonders lesenswert ist Oliver Marc Hartwichs Artikel in ‘Die Achse des Guten’, in der er über seine eigene Begegnung mit dem Lord berichtet.

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Was ist ein homo sociologicus und was soll dieses Blog eigentlich?

Posted by Martin Booker

Der homo sociologicus (griechisch/lateinisch „der soziologische Mensch“) ist ein für die Soziologie geprägter Begriff, der den Menschen in seinem Dasein als gesellschaftliches Wesen analysieren soll. Der homo sociologicus stellt einen Ausschnitt des gesamten Menschen dar, der gleichzeitig etwa auch ein psychologischer, ein biologischer und bisweilen auch ein homo oeconomicus ist. Diese Unterscheidungen bestimmen nach der Idee Ralph Dahrendorfs auch das jeweilige Forschungsgebiet von Psychologie, Biologie, Ökonomie und Soziologie. Keineswegs geht es um die Behauptung, der Mensch sei nur ein homo sociologicus, wie dies von manchen Kritikern falsch aufgefasst wurde.

Der Begriff geht auf Ralf Dahrendorf zurück, der ihn 1958 mit der Untersuchung Homo Sociologicus als „Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle“ vorlegte und erfolgreich in der deutschen Soziologie etablierte. Der homo sociologicus ist nach ihm die Gesamtheit seiner sozialen Rollen. Diese wiederum sind verbunden mit den Erwartungen der jeweiligen Bezugsgruppen, in denen sich der homo sociologicus bewegt.

Nehmen wir das Beispiel eines Bäckers, der gleichzeitig Vater, Ehemann und Fußballspieler im Dorfverein ist. Dies sind nur vier von wahrscheinlich Dutzenden von Rollen, die diese Person tagtäglich einnimmt – einnehmen muss! – und die sein Dasein als homo sociologicus bestimmen. Jede dieser Rollen ist mit bestimmten Erwartungen verbunden, die von den jeweiligen Bezugsgruppen an ihn gestellt werden. Die Bezugsgruppe Familie erwartet etwa, dass er ein guter Vater ist (und bestimmt, was unter “gut” verstanden wird), die Bezugsgruppe Fußballmannschaft, dass er immer pünktlich ins Training kommt und jeden Sonntag seine berüchtigte Blutgrätsche ausfährt. Von dem Bäcker erwarten die Kunden, dass sie jeden morgen frisches Brot bekommen, er muss daher jeden Werktag um vier Uhr aufstehen.

Verweigert er sich, so bekommt er entsprechende Sanktionen zu spüren. Die Familie wird mißmutig, die Kinder jammern ständig, die Mitspieler betrachten ihn als “Weichei”, der Trainer setzt ihn schließlich auf die Bank, die Kunden tuscheln über ihn oder kommen gar nicht mehr zur Bäckerei, die jetzt nur noch nachmittags geöffnet hat. Es gibt dabei verschiedene Intensitäten der Erwartungen (Muß-, Kann-, Soll-) und entsprechend verschiedene Intensitäten der Sanktionen, die bishin zu Gefängnisstrafen gehen können.

Dahrendorf nennt dies die “ärgerliche Tatsache der Gesellschaft” – sie übt Zwang aus, man kann ihr, ihren Erwartungen und Sanktionen nicht entfliehen.

(Diese Erläuterung nimmt Anleihen von dem entsprechenden Wikipedia-Artikel, macht das Konzept aber anschaulicher und betont andere Aspekte)

Das Blogprojekt homo sociologicus

Dieses Blog habe ich homo sociologicus getauft, weil ich ein Experiment wagen will: Die tiefgründige Soziologie mit all ihrem theoretischen Ballast soll hier in Blog-Form mit der Alltagswelt zusammengebracht werden. Das klingt nach einem schwierigen Balanceakt, versteht sich doch die Soziologie als ausdifferenzierte Wissenschaft, die viel Platz braucht, um soziale Phänomene in ihren Ursachen und Auswirkungen etc. etc. zu verstehen und zu erklären (Max Weber lässt grüßen). Sie will keine schnellen Antworten liefern, sondern den Tatsachen erst mal auf den Grund gehen, um dann hochdifferenzierte und nach wissenschaftlichen Methoden (quasi-) objektiv belegbare Egebnisse liefert.

Ein Blog auf der anderen Seite ist ein höchst subjektives Unterfangen und will es in der Regel gerade sein. Im Normalfall werden kurz und prägnant entweder beliebige Alltagsgeschichten erzählt oder mehr oder weniger wichtige Meinungen zum besten gegeben, ohne großes Interesse an einer tiefgründigen Analyse der Begebenheiten.

Wie kann man also beides zusammenbringen? Ein Blog kann und, wie ich finde, soll nicht immer objektiv-wissenschaftlich sein. Ich denke aber, dass es so etwas wie spezifisch soziologisches Gedankengut gibt. Eine bestimmte Art, die Welt zu betrachten. Bestimmte Fragestellungen, die wir Soziologen an die Welt herantragen. Und um diese soziologische Perspektive herum kann man sehr wohl einen Blog aufbauen.

Soziologische Fragestellungen… Klar, da fallen einem Stichworte wie Klasse, Macht, Ethnie, Kultur, Ideen und Interessen ein. Wie wirken diese Faktoren auf die Welt? Wie prägen sie die Gesellschaften, in denen wir leben? 

Nicht zuletzt wird es auch Zeit, dass die Soziologie (gerade in Deutschland) wieder ein bisschen von ihrem Sendungsbewusstsein entdeckt. Meinen kleinen bescheidenen Beitrag will ich auf diesem Wege dazu leisten.

Nachtrag: Dieser Artikel wurde zu Beginn des Blogprojekts “homo sociologicus” am 4. Dezember 2007 verfasst und ist einer der häufigsten Landeseiten neuer Leser (jeder will schließlich wissen, was ein homo sociologicus ist ;-)). Wie es mit homosociologicus.de weitergegangen ist, kann auf unserer Startseite eingesehen werden.


Willkommen! Auf dieser Seite verlassen Soziolog/inn/en den Elfenbeinturm und führen öffentliche Experimente mit soziologischen Gedanken, Konzepten und Sichtweisen durch.

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