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Zwischenruf 2012

Martin und ich haben uns vor kurzem mal wieder bei einem Bier getroffen. Das ist etwas, was nur noch selten geschieht, da das Team ja mittlerweile einmal quer durch Europa seinen Weg zusammen finden muss. Wir waren dabei nicht ganz sicher, ob und wie man den homo sociologicus wieder beleben kann und sollte.

Immer noch finden um die 2000 bis 3000 Menschen im Monat ihren Weg auf den homo sociologicus, gerade jetzt wurde unsere alte Artikelserie zu dem Amoklauf in Winnenden durch den traurigen Zwischenfall in Newtown wieder aktueller und öfter aufgerufen.

Gerade solche Themen, die sofort die Reflexe der Stammtische, Regulierer und Schnellerklärer auslösen, machen mir persönlich immer wieder klar, warum Soziologie so dringend notwendig ist, und warum sie einen Weg finden muss, sich der Welt begreifbarer zu machen. Es ist mit Nichten so, dass soziologisch vorgeschädigte Menschen leichter durch’s Leben gehen oder sich ihnen die Welt schneller und logischer erschließt. Oft machen gerade soziologisch denkende Menschen aus der Sicht der meisten anderen die Welt komplizierter, als sie sowieso schon ist – ein Schicksal, dass sie sich wahrscheinlich mit Philosophen teilen.

Das Jahr 2012 war ein ereignisreiches Jahr. und es steht uns noch der Weltuntergang bevor – Erlösungs- und Untergangsmythen sind eines der spannenderen Motive der Soziologie – und danach? Ja danach kommt 2013, und wenn die Welt noch nicht untergegangen ist, dann hoffe ich, dass ich mit Martin und anderen zusammen an dieser Stelle wieder mehr schreiben kann. Da die Welt ja nun überraschenderweise nicht untergegangen ist (wo sich doch alle bisherigen Weltuntergangsprophezeiungen als so zuverlässig erwiesen hatten), kann man ja hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Wie die Welt sich darstellt, wenn man sich also soziologischer Mephistopheles stets fragt, was sie im innersten zusammenhält, die Identitäten, Paare, Freundschaften, Cliquen, Vereine, Verbrecherbanden, Gemeinschaften, Gesellschaften, Staaten und Föderationen – all things social also – darum kann es dieses Jahr an dieser Stelle hoffentlich wieder gehen.

Ein gutes Jahr 2013 und weise Weisen der Weltsicht –

Stefan

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Ralph Dahrendorf über öffentliche Intellektuelle

von Martin Booker

Eben entdeckt, dass WELT ONLINE Ralph Dahrendorfs Rede zum 40. Jubiläum des Wissenschaftszentrums Berlin  am 18. Februar 2009 veröffentlicht hat. Dahrendorf spricht dabei über den Rückzug der Sozialwissenschaftler in ihre eigenen Welten und Bezugsgruppen seit den 60er Jahren, und über seinen Wunsch, dass der Typus “öffentliche/r Intellektuelle/r” wieder an Prominenz gewinnt:

Das Wort “Wissenschaftler” bedarf dabei einer Korrektur: Sie sollten sich nämlich als Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis betätigen, also als öffentliche Intellektuelle. Dazu sind weniger die Fachzeitschriften als die allgemeinen Medien hilfreich. Vor allem aber müssen öffentliche Intellektuelle die Berührungsängste ablegen, die sie am öffentlichen Wirken hindern.

Auf unser Anliegen übersetzt heisst dies: Mehr Wissenschaftler in die Blogosphäre! Weniger Elfenbeinturm und mehr zivilgesellschaftliches Engagement! Erkenntnisse gewinnen und die Öffentlichkeit an diesem Gewinn beteiligen!

Die kurze wie einsichtsvolle Rede gibt es auf dieser Seite bei WELT ONLINE. Fast scheint mir, als hätte Dahrendorf bei uns abgeschrieben. 😉

Dahrendorf selbst hat sich übrigens auch schon am Bloggen versucht: Ralph Dahrendorfs Blog im Project Syndicate.

homo sociologicus wird ein Jahr alt

von Martin Booker

Wir feiern Blog-Geburtstag! Am 4. Dezember 2007 erblickte der homo sociologicus das Licht der Welt – Zeit für ein paar Danksagungen: Vielen Dank an alle, die vor und hinter den Kulissen mitgewirkt haben; an alle Besucher, die ihre Begeisterung für die Soziologie mit uns teilten und teilen; an all jene, die mit ihren Kommentaren zu reghaften und anregenden Diskussionen beigetragen haben; und natürlich an die Blogger-Community, die uns herzlich in ihre Mitte aufgenommen hat und immer ein Quelle der Inspiration war! 

Unser Namensgeber, Ralph Dahrendorfs Aufsatz über den homo sociologicus, wurde 2008 übrigens 50 Jahre alt.

Die Universität der Zukunft: Bloggerportale und eigene Fernsehsender

von Martin Booker

Wie wird die Universität der Zukunft aussehen? Sind führende US-amerikanische Universitäten ein Maßstab, so scheint es sehr wahrscheinlich, dass Universitäten in der Zukunft stärker in die Gesellschaft heineinreichen werden. Blogs von Wissenschaftlern sind ein Weg dazu. Einige Universitäten wie Stanford oder die Zeitschrift Technology Review am MIT haben bereits ihr eigenes Blog-Portal. Wissenschaftler, aber auch Studierende und Alumni, werden dazu ermutigt, ihre Blogs zu registrieren (aufmerksam wurde ich auf diese Seiten übrigens durch den sehr lesenswerten Artikel “Is New Zealand Ripe for Science Blogging?” von Ken Perrott).

Ein anderer Weg zur Öffnung der Universitäten ist ein eigener Fernsehkanal, den man z.B. im YouTube-Netz integrieren kann. Ein prominentes Beispiel hierfür sind die Universities of California, (Berkeley, LA, San Diego u.a.) die auf ihrem Kanal UCTV über die Wissenschaftlichen Forschritte an den Universitäten informieren. Und so stellt sich der Universitätskanal in einem kurzen Werbefilm vor:

So wie im folgenden Video kann dies beispielsweise aussehen: In seiner Serie “The Body Politic” interviewt Peter Gourevitch einige kundige Politikwissenschaftler über die Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain. Die Sendung erschien hochaktuell am 23. September 2008, und selbsverständlich kann man das Video mit der üblichen YouTube-Funktion kommentieren und so mit den Machern ins Gespräch treten.

Sämtliche Videos von UCTV sind zur Einbettung (z.B. in einen Blog wie diesen) freigegeben, die Debatte kann so in die weitere Welt hinausgetragen werden. Vorbildlich, wie ich finde! Und mit den geringen Kosten, die damit verbunden sind, könnte sich auch jede unterfinanzierte deutsche Universität so etwas leisten (wenn auch vielleicht nicht in dem großen Umfang). Ob jedoch in deutschen Universitätsfluren schon so fortschrittlich gedacht wird?

homo sociologicus bekommt Zuwachs

Posted by Martin Booker

Eine kleine Meldung in eigener Sache: Nach einem erbitterten Casting-Verfahren über 10 beinharte Runden konnte eine gnadenlose Jury aus 300 von Ehrgeiz zerfressenen Bewerbern am Schluss den fähigsten Nachwuchs-Blogger küren: Die Wahl fiel auf Stefan Spiess, der bereits mit zwei Artikeln (s.u.) sein Können unter Beweis stellen durfte.

OK, das mit dem Casting-Verfahren war gelogen. Ob Stefan der fähigste Blogger ist, sei auch mal dahingestellt ;-). In Wirklichkeit ist er mir auf unserer Sizilien-Exkursion zugelaufen. Dennoch bin ich mir sicher, dass er weiterhin mit hochwertigen Beiträgen glänzen kann.

Mehr über unseren Zuwachs in der Rubrik “über uns”.

In den nächsten zwei Wochen hoffe ich, weitere hochklassige Blogger auf dieser Plattform präsentieren zu dürfen.

Bis dahin und weiterhin viel Freude beim Lesen und ein besseres Leben mit der Soziologie,

Martin Booker

Ich blogge also bin ich – Geert Lovink im ZEIT-Interview

von Martin Booker

Wolfgang hat mich heute auf ein sehr interessantes Interview aufmerksam gemacht: DIE ZEIT hat den niederländischen Politikwissenschaftler und Medienexperten Geert Lovink zum Thema Blogger-Gesellschaft befragt. In dem Interview werden wichtige Fragen einer sich herausbildenden Web-Soziologie aufgeworfen und einige Konzepte vorgestellt. Bewegen wir uns auf eine Kultur der Amateure zu, die den Informations- und Meinungsprofis Konkurrenz macht? Oder ist das Bloggen einfach nur eine neue Möglichkeit des Selbstausdrucks, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten? Wie hängen Demokratie und Blogosphäre zusammen, falls überhaupt? Was lässt sich über die Zukunft des Bloggens sagen? Sind solche Voraussagen überhaupt möglich?

Diese und viele andere Fragen beantwortet Geert Lovink in dem ZEIT-Interview “Ich blogge, also bin ich” (vom 19.12.2007).

Was ist ein homo sociologicus und was soll dieses Blog eigentlich?

Posted by Martin Booker

Der homo sociologicus (griechisch/lateinisch „der soziologische Mensch“) ist ein für die Soziologie geprägter Begriff, der den Menschen in seinem Dasein als gesellschaftliches Wesen analysieren soll. Der homo sociologicus stellt einen Ausschnitt des gesamten Menschen dar, der gleichzeitig etwa auch ein psychologischer, ein biologischer und bisweilen auch ein homo oeconomicus ist. Diese Unterscheidungen bestimmen nach der Idee Ralph Dahrendorfs auch das jeweilige Forschungsgebiet von Psychologie, Biologie, Ökonomie und Soziologie. Keineswegs geht es um die Behauptung, der Mensch sei nur ein homo sociologicus, wie dies von manchen Kritikern falsch aufgefasst wurde.

Der Begriff geht auf Ralf Dahrendorf zurück, der ihn 1958 mit der Untersuchung Homo Sociologicus als „Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle“ vorlegte und erfolgreich in der deutschen Soziologie etablierte. Der homo sociologicus ist nach ihm die Gesamtheit seiner sozialen Rollen. Diese wiederum sind verbunden mit den Erwartungen der jeweiligen Bezugsgruppen, in denen sich der homo sociologicus bewegt.

Nehmen wir das Beispiel eines Bäckers, der gleichzeitig Vater, Ehemann und Fußballspieler im Dorfverein ist. Dies sind nur vier von wahrscheinlich Dutzenden von Rollen, die diese Person tagtäglich einnimmt – einnehmen muss! – und die sein Dasein als homo sociologicus bestimmen. Jede dieser Rollen ist mit bestimmten Erwartungen verbunden, die von den jeweiligen Bezugsgruppen an ihn gestellt werden. Die Bezugsgruppe Familie erwartet etwa, dass er ein guter Vater ist (und bestimmt, was unter “gut” verstanden wird), die Bezugsgruppe Fußballmannschaft, dass er immer pünktlich ins Training kommt und jeden Sonntag seine berüchtigte Blutgrätsche ausfährt. Von dem Bäcker erwarten die Kunden, dass sie jeden morgen frisches Brot bekommen, er muss daher jeden Werktag um vier Uhr aufstehen.

Verweigert er sich, so bekommt er entsprechende Sanktionen zu spüren. Die Familie wird mißmutig, die Kinder jammern ständig, die Mitspieler betrachten ihn als “Weichei”, der Trainer setzt ihn schließlich auf die Bank, die Kunden tuscheln über ihn oder kommen gar nicht mehr zur Bäckerei, die jetzt nur noch nachmittags geöffnet hat. Es gibt dabei verschiedene Intensitäten der Erwartungen (Muß-, Kann-, Soll-) und entsprechend verschiedene Intensitäten der Sanktionen, die bishin zu Gefängnisstrafen gehen können.

Dahrendorf nennt dies die “ärgerliche Tatsache der Gesellschaft” – sie übt Zwang aus, man kann ihr, ihren Erwartungen und Sanktionen nicht entfliehen.

(Diese Erläuterung nimmt Anleihen von dem entsprechenden Wikipedia-Artikel, macht das Konzept aber anschaulicher und betont andere Aspekte)

Das Blogprojekt homo sociologicus

Dieses Blog habe ich homo sociologicus getauft, weil ich ein Experiment wagen will: Die tiefgründige Soziologie mit all ihrem theoretischen Ballast soll hier in Blog-Form mit der Alltagswelt zusammengebracht werden. Das klingt nach einem schwierigen Balanceakt, versteht sich doch die Soziologie als ausdifferenzierte Wissenschaft, die viel Platz braucht, um soziale Phänomene in ihren Ursachen und Auswirkungen etc. etc. zu verstehen und zu erklären (Max Weber lässt grüßen). Sie will keine schnellen Antworten liefern, sondern den Tatsachen erst mal auf den Grund gehen, um dann hochdifferenzierte und nach wissenschaftlichen Methoden (quasi-) objektiv belegbare Egebnisse liefert.

Ein Blog auf der anderen Seite ist ein höchst subjektives Unterfangen und will es in der Regel gerade sein. Im Normalfall werden kurz und prägnant entweder beliebige Alltagsgeschichten erzählt oder mehr oder weniger wichtige Meinungen zum besten gegeben, ohne großes Interesse an einer tiefgründigen Analyse der Begebenheiten.

Wie kann man also beides zusammenbringen? Ein Blog kann und, wie ich finde, soll nicht immer objektiv-wissenschaftlich sein. Ich denke aber, dass es so etwas wie spezifisch soziologisches Gedankengut gibt. Eine bestimmte Art, die Welt zu betrachten. Bestimmte Fragestellungen, die wir Soziologen an die Welt herantragen. Und um diese soziologische Perspektive herum kann man sehr wohl einen Blog aufbauen.

Soziologische Fragestellungen… Klar, da fallen einem Stichworte wie Klasse, Macht, Ethnie, Kultur, Ideen und Interessen ein. Wie wirken diese Faktoren auf die Welt? Wie prägen sie die Gesellschaften, in denen wir leben? 

Nicht zuletzt wird es auch Zeit, dass die Soziologie (gerade in Deutschland) wieder ein bisschen von ihrem Sendungsbewusstsein entdeckt. Meinen kleinen bescheidenen Beitrag will ich auf diesem Wege dazu leisten.

Nachtrag: Dieser Artikel wurde zu Beginn des Blogprojekts “homo sociologicus” am 4. Dezember 2007 verfasst und ist einer der häufigsten Landeseiten neuer Leser (jeder will schließlich wissen, was ein homo sociologicus ist ;-)). Wie es mit homosociologicus.de weitergegangen ist, kann auf unserer Startseite eingesehen werden.


Willkommen! Auf dieser Seite verlassen Soziolog/inn/en den Elfenbeinturm und führen öffentliche Experimente mit soziologischen Gedanken, Konzepten und Sichtweisen durch.

I am a hard bloggin' scientist. Read the Manifesto.

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