Das Titelbild dieses Blogs zeigte lange Zeit das Thema “Kaffee”. Es wurde bewusst gewählt, um bei Besuchern der Seite Assoziationen von gemütlichen Cafés, von angenehmen und anregenden Gesprächen zu wecken, die man in solchen Cafés führt. Kaffee hat aber neben seinen chemischen und psychologischen Wirkungen auch eine ausgeprägte soziale Dimension, über die etwa Anthony Giddens in seinem Einführungswerk “Soziologie” schreibt. Was sieht ein Soziologe im Kaffee, das dem Alltagsblick in der Regel verborgen bleibt? Kaffee aus dem soziologischen Blickwinkel:

Wir können zunächst darauf verweisen, dass Kaffee mehr ist als ein Getränk, das dabei hilft, dem Individuum mehr Flüssigkeit zuzuführen. Es hat einen symbolischen Wert als Teil unserer alltäglichen sozialen Rituale. Oft ist das mit dem Kaffeetrinken verknüpfte Ritual wesentlich wichtiger als der Genuß des Getränks selbst. Zum Beispiel sind zwei Leute, die vereinbaren, “auf einen Kaffee zu gehen”, wahrscheinlich mehr daran interessiert, dass sie einander treffen und miteinander plaudern, als daran, was sie trinken. Essen und trinken sind in allen Gesellschaften Anlässe für soziale Interaktion und für den Vollzug von Ritualen – und diese bieten ein reichhaltiges Betätigungsfeld für die soziologische Forschung.

Zweitens ist Kaffee eine Droge, die Koffein enthält, das eine stimulierende Wirkung auf das Gehirn ausübt. Kaffeesüchtige werden von den meisten Angehörigen der westlichen Kultur nicht als “Drogenanwender” betrachtet. Warum dies der Fall ist, ist eine interessante soziologische Frage. Wie Alkohol ist Kaffee eine “sozial akzeptable” Droge, während Marihuana dies zum Beispiel nicht ist. Doch gibt es andere Kulturen, die den Genuss von Marihuana tolerieren, doch sowohl Kaffee als auch Alkohol missbilligend betrachten.

Drittens bildet ein Individuum, das eine Tasse Kaffe trinkt, Teil eines außergewöhnlich komplizierten Netzwerks von sozialen und ökonomischen Beziehungen, das sich über die ganze Welt erstreckt. Die Erzeugung, der Transport und die Verteilung von Kaffee erfordern beständige Transaktionen zwischen zahlreichen Leuten, die sich Tausende von Kilometern vom Kaffeetrinker entfernt befinden. Die Untersuchung derartiger globaler Transaktionen ist eine wichtige Aufgabe der Soziologie, da viele Aspekte unseres Lebens heute von weltweiten Handels- und Kommunikationsbeziehungen beeinflusst werden.

Schließlich setzt die Handlung des Kaffeetrinkens einen ganzen Prozess vergangener sozialer und ökonomischer Entwicklungen voraus. Gemeinsam mit anderen heute vertrauten Bestandteilen des westlichen Speisezettels – wie Tee, Bananen, Kartoffeln und weißer Zucker- wurde der Kaffee erst seit Ende des 19. Jahrhunderts in größerem Ausmaß verbraucht. Obwohl der Kaffee aus dem nahen Osten stammt, datiert sein Massenkonsum von jener Periode der westlichen kolonialen Ausdehnung her, die vor ungefähr eineinhalb Jahrhunderten stattfand. Praktisch der gesamte Kaffee, den wir heute in den westlichen Ländern trinken, kommt aus Gebieten (Südamerika, Afrika), die von Europäern kolonisiert wurden. (Giddens 1995: 24, Hervorhebungen im Original)

Man könnte hinzufügen, dass Kaffee in den letzten Jahren auch zum Symbol einer Nichtregierungsinitiative geworden ist, die sich dem fairen Handel mit den Kaffeebauern aus den Herkunftsregionen verschrieben hat. Warum aber – so fragt der Soziologe weiter – sollte jemand “fair” handeln wollen, wenn er selbst keinen Vorteil davon hat? Warum gehen manche Initiativen von privater Seite aus, andere durch den Staat? Ist “FairTrade” wirklich an den Bedürfnissen der Kaffebauer orientiert (und wenn ja, wie ist dies möglich ohne eigene Lobby?) oder ist es eine Marktlücke, die von findigen Geschäftemachern gefunden wurde? Oder Beides?

Ein Beispiel von “Consumer Power”? Wenn ja, warum mobilisieren die Konsumenten ihre Macht nur so selten und kaufen meist wider besseren Wissens Produkte, die ihren Vorstellungen von Fairness und einem gerechten Handel widersprechen (z.B. Müllermilch)? Wie muss Gesellschaft organisiert sein, um einen fairen Handel für alle Beteiligten zu gewährleisten? Und wer sollte ein Interesse daran haben, eine Gesellschaft so zu organisieren? Die Kette der soziologischen Fragestellungen reisst nie ab! Und je komplexer die Welt wird, desto mehr Fragen gibt es auch, die nach einer Antwort suchen. Goldgräberjahre also für die Soziologie?

Obiges Foto wurde übrigens im Elephant House in Edinburgh aufgenommen.

Literatur: Giddens, Anthony (1995): Soziologie; Nausner & Nausner, Graz

3 Responses to “café sociologicus”


  1. 1 pmn 22. January 2010 at 01:49

    Marihuana mag juristisch geächtet sein, aber sonst?

    Meine Frage, ach verdammt, der Eintrag ist ja über ein Jahr alt!, wäre jetzt: Liefert Giddens auch Antworten auf die von dir hier platzierten Fragen?

  2. 2 Ralph 3. April 2010 at 09:51

    @pmn: Ob Giddens eine Antwort auf diese Fragen bereithält, kann ich im Moment nicht sagen. Eine Möglichkeit zu erklären, warum die Konsumenten ihre Macht so selten mobilisieren und meist wider besseren Wissens Produkte kaufen, die ihren Vorstellungen von Fairness und einem gerechten Handel widersprechen (z.B. Müllermilch) bietet jedoch Mancur Olsen in seinem Buch “Die Logik des kollektiven Handelns”, in dem er auf die Unterschiede zwischen individuellem und kollektivem Handeln hinweist. Mit Olsen kann man fairen Handel als kollektives Gut begreifen, von dessen Nutzung kaum jemand ausgeschlossen werden kann. Die Bereitstellung eines öffentlichen Gutes weist jedoch die Besonderheit auf, dass es zur Verfügung gestellt wird, ohne dass es auf den Beitrag des Einzelnen wirklich ankommt. Am Beispiel des kollektiven Gutes “saubere Luft” wird deutlich, dass zwar jederman saubere Luft schätzt, dass der Beitrag des Einzelnen zur Luftverschmutzung aber eben äußerst gering ist. Olsen geht nun davon aus, dass es bei der Bereitstellung eines Kollektivgutes wie fairem Handel zu einer sogenannten Freerider-Problematik kommt. Der Freerider geht wie der Schwarzfahrer in der U-Bahn davon aus, vom Nutzen eines Kollektivgutes zu profitieren, ohne einen Beitrag dazu leisten zu müssen. Denn je größer und heterogener die Gruppe ist, die kollektiv handeln soll, desto geringer wird der Beitrag des Einzelnen zur Bereitstellung dieses Gutes.
    Insofern mobilisiert sich die Macht der Konsumenten nur in seltenen Fällen, wie bspw. dem Boykott gegen den Mineralölkonzern Shell, als es darum ging, die Bohrinsel Brent Spar im Ozean zu versenken oder auch bei der Verwendung von ozonschädigendem FCKW in Spraydosen in den 80er Jahren.
    Interessanterweise zeigen Studien zum Thema “Political Consumerism” aber, dass eher Frauen dazu neigen, ihre Kaufentscheidung an moralisch-ethische Überlegungen zu koppeln.
    Zu der Frage, wie Gesellschaft verfasst sein muss, um fairen Handel zu gewährleisten, zeigen die genannten Beispiele, dass die Initialzündung zu politisch orientiertem Konsumverhalten im Wesentlichen durch die Massenmedien erfolgen muss, die allein in der Lage sind, die Notwendigkeit eines solchen Verhaltens in den Fokus der politischen Öffentlichkeit zu rücken (im Falle Brent Spar rief damals sogar die BILD-Zeitung zum Boykott von Shell auf). Nachhaltige und weitreichende Massnahmen zu fairem Handel können meines Erachtens jedoch nur auf globaler institutioneller Ebene wie der WTO getroffen werden und setzen die Bereitschaft der Industrieländer voraus auf ihre Politik der Handelsbarrieren gegenüber den restlichen Ländern der Welt zu verzichten. Wir Menschen in den Industrieländern müssten dafür allerdings auch die Bereitschaft aufbringen, auf einige liebgewonnene Aspekte unseres Wohlstands, wie bspw. niedrige Preise für Kaffee zu verzichten.


  1. 1 Heute schon Kaffee getrunken? « homo sociologicus Trackback on 10. September 2008 at 15:13

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