Was ist Soziologie?

Vorweg für Laien: Soziologie hat weder mit Sozialarbeit, Sozialpädagogik, sozialem Zweig oder Sozialismus zu tun. Soziologie ist der Versuch, mit wissenschftlicher Methodik Gesellschaft zu verstehen und zu erklären. Warum ist unsere Gesellschaft so aufgebaut, wie sie es nun mal ist? Wie leben die Menschen in dieser Gesellschaft, in den verschiedenen Schichten und Milieus? Und warum leben sie so? Wie wird unser Leben von größeren sozialen Zusammenhängen (Politik, Ökonomie, Kultur) geprägt? Und wie wirkt das Handeln der Menschen zurück auf diese größeren Zusammenhänge?

Aktuell finden z.B. große Debatten um die Themen “Individualisierung” und “Globalisierung” statt. Beide Entwicklungen wirken sich auf das menschliche Zusammenleben aus. Beide werden aber auch von Individuen geprägt und in einem stetigen, komplexen Zusammenhang durch individuelle Handlungen geformt. Beides sind Begriffe, die aus der Soziologie stammen und hier bereits lange diskutiert wurden, bevor sie von einer breiteren Öffentlichkeit aufgegriffen wurden. Entsprechend sind die soziologischen Debatten den gesellschaftlichen fast immer eine Bootslänge voraus!

Was ist “der soziologische Blick”?

In diesem Weblog wird nicht selten von einer “soziologischen Perspektive” geschrieben, von einem besonderen Blickwinkel auf die Welt, der natürlich (davon gehen die Autoren zumindest stillschweigend aus) viel schlauer ist als der übliche “Alltagsblick”. Nicht umsonst lautet unser Motto “Schärfer sehen mit dem soziologischen Blick”. Was jedoch ist konkret damit gemeint? Welche Dinge sehen Soziologen, die dem “normalen” Menschen in der Regel verborgen bleiben?

Eine Anwort darauf finden wir in einer der nach wie vor einflussreichsten Ideen der Soziologie: Der Sociological Imagination von C. Wright Mills.

The Sociological Imagination

Einer der einflussreichsten soziologischen Veröffentlichungen des 20. Jahrhunderts war C. Wright Mills Sociological Imagination (dt.: Kritik an der soziologischen Denkweise). Darin fordert er für öffentliche Diskurse im Allgemeinen und für die Soziologie im Besonderen ein “soziologisches Denkvermögen”. Die Menschen, so Mills, sollten sich in stärkerem Maße bewusst werden, wie ihr Leben nicht nur von einem individuellen Schicksal, sondern auch von sozialen Zusammenhängen geprägt wird:

Das erste Ergebnis eines solchen Denkens – und die erste Lektion der Soziologie, die sich darin ausspricht – ist der Gedanke, dass das Individuum seine eigenen Erahrungen nur dann verstehen und sein Schicksal meistern kann, wenn es sich selbst als Teil eines Ganzen begreift, und dass es seine Lebenschancen nur zusammen mit denen aller anderen Menschen erkennt, die sich in der gleichen Lage befinden. […] Soziologisches Denkvermögen erlaubt uns, Geschichte und persönlichen Lebenslauf und ihre Verbindungen in der Gesellschaft zu erfassen. (Mills 1963: 42)

Neben einer individuellen Dimension, die durch unseren Alltagsblick mehr oder weniger hinreichend erfasst wird, verfügen nahezu alle Phänomene des Lebens über eine ausgeprägte gesellschaftliche Dimension. Mills etwa nennt die Beispiele “Arbeitslosigkeit”, “Krieg”, das “Leben in einer Metropole” oder die “Ehe”: Alle stellen den Einzelnen vor konkrete, individuelle Probleme, verweisen aber auch auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge.

Die Ehe. Auch hier gibt es persönliche Probleme, vor die sich Mann und Frau gestellt sehen. Wenn aber in den ersten vier Ehejahren von 1000 Ehen 250 geschieden werden, so zeichnet sich hier ein strukturelles Problem ab, das mit der Instituion der Ehe und Familie sowie dem Einfluss anderer Institutionen zu tun hat. (ebd.: 46)

Psychologen etwa beschäftigen sich in diesem Beispiel mit der Rolle des Unterbewusstseins oder den versteckten Konflikten zwischen den Ehepartnern. Soziologen hingegen untersuchen die weiteren sozialen Zusammenhänge: Inwiefern haben sich etwa die Rollenerwartungen in der Familie verändert, inwiefern greifen die alten Deutungsmuster von Frauen- und Männerrollen nicht mehr? Dass diese beiden Positionen keineswegs in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich ergänzen, steht natürlich außer Frage.

Nicht nur Arbeitslosigkeit, Krieg oder Ehe, fast jedes Phänomen unseres alltäglichen Lebens hat eine mehr oder weniger ausgeprägte gesellschaftliche Komponente.Vom frühmorgendlichen Aufstehen über den streng strukturierten Arbeitsalltag bis hin zum Freizeitverhalten, von Liebe und Sexualität zu Sport und Spiel, von der Geburt bis zum Tod finden wir sozial vorgeprägte Muster, die unser Leben prägen.

Heute schon Kaffee getrunken? Auf unsere Seite café sociologicus steht eine ausführlichere Erläuterung des Kaffees aus soziologischer Sicht.

Doch auch den Menschen selbst kann man als homo sociologicus begreifen. Natürlich ist der Mensch auch ein homo biologicus, verfügt über verschiedene biologische Funktionen und ist zu einem gewissen Grad von genetischen Faktoren geprägt. Oder ein homo psychologicus oder eine chemische Zusammensetzung. Manche behaupten sogar, es gebe einen homo oeconomicus. Mit Sicherheit aber ist der Mensch auch und in Ergänzung der anderen Bestandteile ein homo sociologicus: Ein soziales Wesen in dem Sinne, dass er – ob er will oder nicht – in soziale Netzwerke eingebunden ist. Er ist bestimmten Erwartungen ausgesetzt, muss bestimmte Rollen ausfüllen, und bei Verletzung der Erwartungen ist er bestimmten Sanktionen unterworfen. Mehr zu diesem vor allem von Ralf Dahrendorf ausgearbeiteten Konzept auf unserer Seite Was ist ein homo sociologicus?

Warum brauchen wir den soziologischen Blick?

Dieses Weblog ist der Versuch, den soziologischen Blick in eine breitere Öffentlichkeit zu kommunizieren und zu einer Verbreitung der sociological imagination beizutragen. Aus welchen Gründen auch immer ist der Blick für die sozialen Zusammenhänge im deutschsprachigen Raum im Vergleich zu anderen industrialisierten Ländern eher unterentwickelt. Die Folge ist, dass wichtige Entwicklungen verschlafen werden.

Vor PISA und Co. gab es z.B. kaum eine Debatte um den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg. In anderen Gesellschaften und innerhalb auch der deutschen Soziologie wurde stets über diese Problematik diskutiert, in der breiten deutschen Öffentlichkeit wurde sie jedoch ausgeblendet – schließlich lebten wir nach geltender Meinung in einer sozial nivellierten Mittelstandsgesellschaft. In der Folge wurden Lebensschancen ungleich verteilt, gesellschaftliche Ressourcen verschwendet und, wenn man der vorherrschenden Marktlogik folgen will, dem vielzitierten “Standort Deutschland” gingen Talente verloren.

Ein anderes Beispiel: Eine Erhebung von Eurobarometer im Jahr 2003 ergab, dass die Deutschen unter allen EU-Bürgern in Sachen Diskriminierung das geringste Problembewusstsein hatten [EU-Barometer 57.0, S.12., PDF]. Erst auf Druck der EU erließ etwa die Bundesregierung im Jahre 2006 ein ausführliches Antidiskriminierungsgesetz, das dann aber heiß diskutiert wurde und viele Unternehmen vor Schwierigkeiten zu stellen schien. Andere europäische Nachbarländer hatten schon lange zuvor entsprechende Maßnahmen ergriffen und Gesetze erlassen – ohne dass sich die Bürger in diesem Maße gesträubt hätten.

Auch aufgrund diverser Diskriminierungsmechanismen ging großes gesellschaftliches Potential verloren, wenn etwa hochqualifizierten Experten bestimmte Posten oder Forschungsstipendien aufgrund von Alters- oder Geschlechterdiskriminierung verwehrt blieben. Mit einem schärferen soziologischen Blick wäre die Problematik früher erkannt worden und hätte nicht von außen an den deutschen Staat herangetragen werden müssen.

Der soziologische Blick ist leider auch in den deutschen Qualitätsmedien unterrepräsentiert. Zum Glück gibt es ihn durchaus, und auf diesen Seiten verweisen wir auch gerne auf soziologisch informierte Beiträge aus der Tages- und Wochenpresse. Doch vergleicht man deutsche Medien mit denen anderer Länder, so erkennt man schnell, dass den meisten Kommentatoren und Kolumnisten der Blick für das große Ganze fehlt. Stattdessen findet der soziologische Blick meist im Feuilleton oder in einem ZEIT-Dossier statt. Er gehört jedoch auf jeden Fall auch in die Sparten Politik und Wirtschaft, in Sport und (ja!) “Lifestyle”!

Erst durch den soziologischen Blick, so C. Wright Mills, können wir jene Mechanismen durchschauen, die unsere Leben und unsere Gesellschaften steuern. Und erst dann können wir auch gestaltend in diese Mechanismen eingreifen und die Entwicklung menschlicher Gesellschaften in die richtige Richtung lenken. “Schärfer sehen mit dem soziologischen Blick” bedeutet also auch “besser leben mit Soziologie”.

Literatur:

Dahrendorf, Ralf (2010, ursprünglich 1959): Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der sozialen Rolle’. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 17. Auflage 2010

Mills, C. Wright (1963): Kritik der soziologischen Denkweise; Luchterhand, Neuwied a. Rhein/Berlin

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11 Responses to “Der soziologische Blick”


  1. 2 Martin 16. April 2009 at 10:50

    @ Antifo: Nach dieser “Fundamentalkritik” hab ich schon fast überlegt meinen Job aufzugeben. Hehe!

  2. 3 Anonymous 7. August 2009 at 20:51

    Sorry, aber der Text war den Mausklick nicht wert.

    • 4 Ralph 3. April 2010 at 11:03

      @ Anonymous: Dein Beitrag ist zwar schon eine Weile her, aber da ich mich erst kürzlich hierher “verirrt” habe, muss ich doch mal meinem Ärger über solche Kommentare, wie deinen Luft machen. Wenn du schon nichts Substanzielles beizutragen hast, dann spar dir doch am besten gleich alle weiteren Mausklicks und lass vor allem die Finger von der Tastatur! Diese Art einer elitär-bornierten Stellungnahme ist der Grund dafür, warum sich so wenige Menschen für soziologische Betrachtungsweisen begeistern lassen. Dabei hätte die Soziologie zu diesem Thema viel zu bieten: Auch wenn in dem Beitrag von antifo einiges etwas durcheinander geraten zu sein scheint, so gehören Fragen zur Freiheit des Willens und zur Determiniertheit des Menschen zu den spannensten philosophischen Fragen und soziologischen Herausforderungen unserer Zeit. Ich denke hier an die Antinomienlehre Kants oder die neueren Beiträge der Neurophysiologie (Stichwort: Libet-Experiment).
      Wie verhält sich bspw. die Intuition vom freien Willen zu gesellschaftlichen Institutionen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, inklusive des Verhältnisses von Schuld und Sühne, oder der Unterstellung von rationalen Kaufentscheidungen in kapitalistisch organisierten Wirtschaftssystemen? Hiezu könnte man eine Menge Substanzielles aus soziologischer Sicht beitragen!

      By the way: Danke Martin, dass du wenigstens auf der Seite von antifo etwas Ernsthaftes beizutragen versucht hast.

  3. 5 Der kleine Mann 18. August 2009 at 15:42

    @ Anonym:
    Ich glaube ebenfalls, dass der Text den Mausklick nicht wert war. Bei aller Weltoffenheit, aber der verlinkte Text und auch andere Texte auf der entsprechenden Seite offenbaren mir eine eher eingeschränkte Sichtweise auf die Welt, die neben der eigenen keine andere Moral zuzulassen scheint. Ich muss unweigerlich an ein Gedicht von Erich Fried namens “Krank” denken.

    • 6 Ralph 3. April 2010 at 11:08

      @ Der kleine Mann:
      Zuerst wird personalisiert, dann pathologisiert und zuletzt kriminalisiert. Lies mal was zu Labelling-Theorien, das sollte dich interessieren! Einem Beitrag deinerseits zum Thema Moral, sehe ich mit Interesse entgegen.

  4. 7 Das fuhrwerk 2. October 2009 at 11:31

    Hallo soziologische Bloger und Blicker,
    es ist viellecht nicht ganz nnütz den soziologischen Blick als einen menschlichen Blick zu verstehen und sich damit nicht die Chance zu verbauen mit Hilfe eines Künstlerblickes, eines Moderatoren- Blickes und eines Feldforschers die Gesellschaft zu beraten. Guter Blog, ich freue mich besonders über das Thema Cafe, weil ich das Cafe Latte oder den Genuss von einfachem Kaffe inzwischen als Kulturkampf anseheund ich bin ganz klar auf der Seite der Kaffee Trinker(ohne Milchschaum oder fremden Stoffen wie Caramel, chili…). für das Echte gibt es eben keinen Ersatz und was Soziologen können, können nur Soziologen.

  5. 8 elvers 24. November 2010 at 13:25

    Warum ist aus meiner Sicht der verlinkte Artikel zu antifo.wordpress nicht hilfreich – um nicht auch zu sagen “den Klick nicht wert”?

    Weil er mit einer Unterstellung beginnt, die zeigt, dass der Autor mehr Vorurteile über die Soziologie hat als profundes Wissen. Weil er Politikwissenschaftler und Soziologen als Philosophen bezeichnet. Weil er damit zeigt, dass er keine Ahnung von der genuin soziologischen Perspektive hat.

    Wer einmal verinnerlicht hat, warum Comte doch nicht ganz daneben lag mit seiner Vision über den Stellenwert der Soziologie, wer einmal begriffen hat, dass wir nicht nicht interagieren können, wer durchschaut hat, wie massiv unser Alltag von Normen, Werten und Konventionen bestimmt wird und dem Zwang, sich jederzeit selbst darzustellen (auch und gerade, wenn wir alleine in unserem Kämmerlein sitzen und uns dabei ertappen wie wir popeln) – der kann gar nicht an der Bedeutung der Soziologie zweifeln. Denn die Soziologie vermag nicht nur die Mythen des Alltags aufzudecken, sondern auch das System der wissenschaftlichen Produktion zu durchsteigen. Sie gibt uns Klarheit über die Religion des Sozialen und über die Mechanismen, die den komplexen Ameisenhaufen “Gesellschaft” zusammenhalten.

  6. 9 Lichtschein 19. January 2011 at 01:58

    Und noch eine kritische Stimme in Bezug auf den Link..

    Der Autor fordert, dass Menschen vorrangig als Individuen betrachtet werden und verallgemeinert selbst in seinem ersten Satz “Es scheint einen gewissen Trend zu geben..”. Das gibt einem zu denken..

    Außerdem, wenn es entwürdigend sein soll, Menschen als Gruppen zusammen zu fassen, weil sie doch von ihrem Verhalten her immer alle so individuell unterschiedlich sind, wie kommt es dann, dass

    bei einem Lebensmittelskandal wie BSE eine große Anzahl Menschen panisch aufhört Fleisch zu essen, aber nach einem gewissen Zeitraum wieder damit anfängt, weil der große Hype in den Medien vorbei ist?

    dass bei einem Unfall sich eine große Menschentraube bildet, die dasteht und gafft?

    dass bei einem gut beworbenen Produkt Massen in die Läden stürzen, um genau dieses Produkt zu kaufen, weil es cool ist (das es völlig überteuert und nicht gerade lebensnotwendig ist, stört aber keinen)?

  7. 10 Weber 28. January 2014 at 10:41

    Antifos Link ist den klick wirklich nicht wert.
    Seine Forderung ist, dass es nur noch Individuen gibt, die sich in ihrer freien Entscheidung für seine Religion entscheiden. Dass das an der Wirklichkeit vorbei geht ist klar.
    Eigentlich müsste er sich Gruppen einsetzen, die a la Rexlexionsstopp, Religionsaustritte zu verhindern suchen.


  1. 1 Nadja Benaissa ist schuld! Oder? - Tabus und Sündenböcke (Update) « homo sociologicus Trackback on 15. April 2009 at 13:09

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