Archive for the 'Politische Kultur' Category

Eine Soziologie, in der sich das Individuum wiedererkennt…

von Stefan Spiess

Gestern ist auf telepolis.de ein sehr interessantes Interview mit Walter van Rossum erschienen – “Fernsehen nur für vierstellige Bestechungshonorare“. Anlass dafür ist sein Buch “Die Tagesshow – Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht“.

Die Fragen und Antworten setzen sich damit auseinander, wie viel es kostet, Herrschaftswissen über die Medien umzusetzen, und mit dem, was van Rossum als den “Totalitarismus der Mitte” bezeichnet. Ich will hier nicht das ganze Interview zusammenfassen: Selbst lesen macht schlau. Allerdings finde ich eine Passage hervorhebenswert:

[Der Totalitarismus der Mitte] funktioniert über Zustimmung oder wenigstens fehlenden Einspruch. Das ist billiger und effizienter. Aber um diese Frage zu beantworten, reicht es nicht, irgendwelche Gruppen als Büttel des Kapitals zu identifizieren. Dazu bräuchte man eine Soziologie, in der das Individuum sich wiedererkennt. Um zu begreifen, was in der Gesellschaft vorgeht, muss ich begreifen, was in mir vorgeht.

Und ein Interview, in dem diese Passage vorkommt, muss eigentlich bei uns erwähnt und verlinkt werden.

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Warum geben so wenige Frauen den Ton an? Weibliche Stimmen in Blogs und Politik

Anlässlich des Weltfrauentages haben wir eine kleine Premiere zu verkünden: Endlich erscheint der erste Artikel von einer Frau auf homosociologicus.de. Katharina Kaiser sinniert über Geschlechterunterschiede darin, wie man sich selbst präsentiert, was man von Frauen erwartet, und wie sich das bis in die politische Elite durchzieht. (Der Artikel wurde von der Autorin am 20.03.2009 aktualisiert.)

Beim Durchklicken sämtlicher Kommentare auf homosociologicus bin ich ausschließlich auf männliche Benutzernamen gestoßen, oder solche, die kein Geschlecht verrieten. Natürlich kann man nicht nachvollziehen, welcher Anteil an Lesern des Blogs weiblich ist, oder ob sich hinter den geschlechtsneutralen Benutzernamen möglicherweise heimlich Frauen verbergen. Dennoch hatte ich beim Verfassen dieses Kommentars die leise Vermutung, die erste Frau zu sein, die auf diesem Blog Spuren hinterlassen würde. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass nur etwa 5 von bisher 148 Kommentaren von Frauen verfasst worden sind. Continue reading ‘Warum geben so wenige Frauen den Ton an? Weibliche Stimmen in Blogs und Politik’

Warum verdienen Frauen weniger?

von Martin Booker

Zum heutigen Weltfrauentag wird eine altbekannte Sau durchs Dorf getrieben. Deutschland gehört zu den Ländern in der Europäischen Union, in denen Frauen noch am schlechtesten bezahlt werden. Das durchschnittliche Gehalt liegt hier bei gleicher Arbeit 23 Prozent unter dem von Männern, womit nur Österreich und Estland schlechter abschneiden. Schuld daran ist neben diversen strukturellen Faktoren, die etwa in diesem Artikel (Telepolis) erörtert werden, nicht zuletzt der Mangel an soziologischer Intelligenz, die fehlende Verbreitung eines soziologischen Blickes. Continue reading ‘Warum verdienen Frauen weniger?’

Soziologischer Sonntagsfilm: Jonathan Haidt “On Liberals and Conservatives”

von Martin Booker

Es ist Zeit, eine altbewährte Serie wieder in Gang zu setzen: Unseren soziologischen Sonntagsfilm. Jeden Sonntag stellen wir ab nun wieder ein kleines soziologisch informiertes Filmchen vor. Diese Woche: Ein ca. 20 minütiger Vortrag des Sozialpsychologen Jonathan Haidt über Liberale und Konservative, ein kleines Lehrstück über Moralität im Allgemeinen, und der eigenen Ausprägung im Besonderen.

Haidt ist vor allem für seine These der 5 Grundlagen von Moral bekannt, die auch in dem Vortrag eine prominente Rolle einnehmen. Er zeigt auf, wie die Wertschätzung von Care, Fairness, Loyalty, Respect und Purity unter Liberalen wie Konservativen unterschiedlich verteilt sind und erläutert, wie alle dieser Elemente einen wichtigen Beitrag zur Vergesellschaftung leisten.

Wer will, kann hier seine eigenen Moral einem kleinen Test unterziehen: www.YourMorals.org. Jonathan Haidts Institutshompage an der University of Virginia findet sich hier. Ein kleiner Wikipedia-Eintrag mit weiteren Links ist hier.

Haidt spricht etwas schnell, aber ansonsten sehr deutlich. 18:19 Minuten in englischer Sprache. Das Video auf googlevideos (mit Vollbildfunktion) findet sich hier.

Parentopoli – Mafiöse Wissenschaft?

von Stefan Spiess, Regensburg

Neben Pizza und Pasta ist die Mafia sicherlich einer von Italiens größten Exportschlagern – allerdings wohl auch eine seiner größten Geißeln. Eine der Grundsäulen ihrer Funktionsweise ist der Klientelismus. Das Prinzip scheint auch an Italiens Universitäten lange Zeit gang und gäbe gewesen zu sein. (Neue Links verfügbar!) Continue reading ‘Parentopoli – Mafiöse Wissenschaft?’

Web 2.0 – Enten und ihre Folgen

von Martin Booker

Das Web 2.0 revolutioniert die Welt! Millionen von Menschen vernetzen sich, schaffen mit Blogs ihr eigenes Nachrichtenportal, schreiben bei Wikipedia an Artikeln mit, nehmen an öffentlichen Diskursen teil, wie dies früher nie möglich war. Doch dieser Self-Made-Charakter des neuen Informationszeitalters, diese Demokratisierung des Wissens treibt auch seltsame, bisweilen skurrile Blüten. Continue reading ‘Web 2.0 – Enten und ihre Folgen’

Von Ganoven, Wilderern und Sozialisten

Posted by Martin Booker

Der Wiener Soziologie-Professor Roland Girtler ist in Deutschland vor allem durch sein Standardwerk “Methoden der qualitativen Sozialforschung. Anleitung zur Feldarbeit” bekannt. Viel weniger weiss man hierzulande von seinen Feldforschungen in der Wiener Rotlichtszene, seinen Arbeiten über Wilderer in Oberösterreich und seinen Ausführungen zu den Gemeinsamkeiten von Ganoven und Aristokraten. Hier in Regensburg bleibt einer seiner Gastvorträge vor vielen Jahren in Erinnerung, in dem er eine alte Jagdflinte auspackte und dem Auditorium das Arbeitsgerät eines Wilderers vorführte. Er hatte das Gewehr über die damals noch kontrollierte Grenze geschmuggelt. Seinen Status als Exzentriker unter den Soziologen unterstreicht Girtler in diesem wirklich amüsanten Interview mit Rachel Vogt von der schweizerischen Wochenzeitung. Ein kleiner Ausschnitt:

Wissens, ich war ja nie ordentlicher Professor, war nie Chef, ich war immer ein kleiner Typ, das war das Schönste, ich hatte viel mehr Freiheit. Aber es ist schon so: Dass ich Professor geworden bin, das ist mir bis heute ein Rätsel. Mir hat ein alter Wiener Jude einmal gesagt: Um was zu werden, braucht man drei Sachen: Sein, Schein und eine Menge Schwein: Man muss etwas können, aber man braucht auch Schmäh und Tricks, man muss ja nicht immer die volle Wahrheit sagen.

Mit großem Interesse habe ich heute Claus Offes Ansichten zum Erstarken der Linken in diesem Artikel in der FAZ gelesen. Offe fordert eine aktive Auseinandersetzung mit den Linken und warnt vor einer Verdrängung des Phänomens. Sein Fazit:

Es gibt also viele gute Gründe, die Linkspartei nicht zu wählen. Es gibt kaum Gründe, die Wähler der Linken moralisch zu attackieren (statt mit ihnen zu debattieren, nach Bedarf ihr Geschichtsbild zurechtzurücken und gegebenenfalls zu verhandeln).[…] Statt sich in Schmuddelkinder-Rhetorik zu üben, könnten die Aktivisten der DDR-Opposition vielleicht eine Rolle bei dem Versuch spielen, der Linkspartei bei ihrer bevorstehenden Programmbildung keinerlei Anleihen aus dem Instrumentenkasten des autoritären Staatssozialismus durchgehen zu lassen.


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