Wie wir leben – Sperrt die Wilden ein und gebt Ihnen Namen!

Wie leben wir? Marta Mysik spürt dem Zeitgeist nach und findet Paranoia und Panoptica, Humanität und Totalität, Glück und Unglück.

Wir leben unsicher und sehnen uns nach Sicherheit. Bereits das Wir der Fragestellung, „Wie leben wir?“ deutet es an. Im Wir drückt sich die Gruppe aus, die in den heutigen Zeiten nicht eindeutig bestimmbar ist: Familie, eine Urform der Gruppe, scheint ein Relikt aus alten Zeiten. Die Familie existiert nicht. Es ist die Patchwork-Familie, die Ersatzfamilie, die Weltfamilie. Eine weitere Urform der Gruppe ist die Sippe, die Großfamilie. Übersetzt würde es heute heißen, der Freundeskreis. Aber auch dieser scheint gefährdet, wenn der beste Freund ans andere Ende der Welt zieht. Facebook ersetzt keine langen Gespräche bei Wein und Kerzenschein. Angesichts eines Kusses ist „Gruscheln“ vulgär. Neue Freunde kommen, sicher. Ist Ihre Begegnung nicht gleichzeitig ein Abschied? – New York wird dann zu Tokio, oder so. Von Arbeitskollegen ganz zu Schweigen – der dritten Urform des Gruppendaseins, dem gemeinsamen Schaffen. Projektarbeit und Honorarverträge, Zeitarbeit und mobile Flexibilität. Es gibt keine Chance für eine emotionale Bindung, wenn der erste Händedruck das Versprechen des Nimmer-Wieder-Sehens in sich birgt.

Aber nicht die Flüchtigkeit ist die eigentliche Tragödie. Sie ist nur der Anfang einer wahrlich schrecklichen Entwicklung. Unsicherheit, Unbeständigkeit, Verlust wecken immer wieder das Bedürfnis nach Ordnung und Sicherheit. Auch diese Impulse sind heutzutage ablesbar: Schäubles Kameras und Fingerabdrücke, das eifersüchtige Halten an der europäischen Grenze – Vorsicht vor Asien, und erst recht vor den afrikanischen Fluten! Und weil der Großkonzern nicht in der Lage ist das Wuchern der Arbeitskraft, dieser größten Fehlerquelle, eigenhändig auszupeitschen, engagiert er Privatdetektive. Übrigens, Wissen ist billiger als Gewalt. Das Panopticon wirkt. Sicherheit durch Selbstdisziplin.

Wir leben unsicher und deswegen sehnen wir uns nach Sicherheit. Nicht weil Sicherheit so gemütlich ist. Vielmehr ist Unsicherheit so bedrohlich – geradezu zersetzend, der Tod. Welch eine Ironie des Schicksals, dass das Bedürfnis nach einer rationalen Ordnung auf einem solch irrationalen Gedankengang begründet ist. Sterben ist gar nicht so einfach. Nur die Angst davor kommt sehr schnell. Wahrscheinlich ein notwendiges Regulativ – schon. Aber wohin Paranoia führt, haben wir schon öfters erfahren. Deswegen lohnt heutzutage das Studium der Dystopien. Sie führen uns überspitzt und drastisch genug vor Augen, was passiert, wenn auf Unsicherheit eine paranoide Regung folgt und dann Totalität.

Mich interessiert wie dieser Moment des Übergangs geschildert wird. Wann kippt die Lage? Ich schaue zu Jewgenij Sajatins „Wir“. Hier ist es der 200 jährige Krieg und die fast vollständige Vernichtung der Menschheit. Ich schaue zu Hesses „Das Glasperlenspiel“. Auch hier ist es der Krieg. Ich schaue zu Huxleys … Ich schaue zu Orwell … Überall Krieg.

Nietzsche vergötterte zwischenzeitlich Dionysos, weil er, Nietzsche, dem Krieg seine Macht zur Totalität nehmen wollte. Er wollte uns sagen, dass es in Ordnung ist sich die Köpfe einzuschlagen. Die Hooligans in Manchesters Vororten und Brad Pitt im Fightclub machen es vor. Man bricht sich gegenseitig die Knochen und schläft sodann fest wie ein Baby. Der Rausch ist gebannt, wenn er benannt ist. Dionysos ist nur ein Name; die „neuen Kriege“ ein weiterer.

Ist also Humanität, das Jammern der alten Weiber, ein Vorbote des Totalitarismus? Foucault hat es so gesehen. Die Humanisten entdeckten das Leid des Subjekts und indem sie es vom Leid befreiten, schlossen sie ihn umso gründlicher ein. Für Nietzsche war Mitleid lediglich das Deckmäntelchen für Macht. Und was heißt es für uns? Wie sollen wir nun leben? Wie können wir Unsicherheiten aushalten ohne gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten? Haben wir wirklich nur die Wahl zwischen Apollon und Dionysos – zwischen dem goldenen Käfig einer rationalen Ordnung und dem Blutbad?

Nietzsche und Foucault, die beiden großen Apologeten der Unsicherheits-Ästhetik, die schließlich genau an dieser gescheitert sind – der eine leidend, der andere grinsend – lebten ihr Leben so wie sie es wollten und auch nicht. Sie waren Schrödingers Katze – mal tot, mal lebendig. Viele und paradox – Fähig festzuhalten und zu lassen und gleichgültig zu sein. Noch leben wir so. Was das heißt, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß nur eines: manchmal esse ich frische Blätter von Frühlingssträuchern, weil ich vor Glück nicht an mich halten kann. Ein andermal bricht mir eine tote Taube am Straßenrand das Herz und ich verfluche dieses Leben.

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8 Responses to “Wie wir leben – Sperrt die Wilden ein und gebt Ihnen Namen!”


  1. 1 Stefan Spiess 4. November 2009 at 15:16

    Das ist ja beinahe soziologische Poesie am Ende. 😉

    Ist Wissen billiger als Gewalt?

    • 2 Marta Mysik 5. November 2009 at 23:04

      Hej Stefan,

      vielen Dank für Dein Kommentar. “Soziologische Poesie” – ja, für mich läßt sich wissenschaftliche Reflexion nicht von persönlichen Erfahrungen trennen. Ich hatte tolle Vorbilder, die eine starke Affinität zur Sprache hatten und es nie scheuten Wissenschaft und Leben zu verbinden.
      Dafür, dass Wissen billiger ist als Gewalt lassen sich einige Argumente einführen: Beispielsweise der Rechtfertigungsaspekt oder aber auch die langfristige Versicherung, die mit Wissen einhergeht: Zwang ist nicht so zuverlässig, damit anspruchsvoller und kostspieliger, wie gezielt eingesetzte Informationen und damit einhergehende Überzeugungsarbeit oder Steuerung.

  2. 3 Sandro 17. November 2009 at 20:24

    Moin Marta, hi Stefan,

    ich finde die Aussage “Wissen billiger als Gewalt” äusserst interessant.
    Ich halte sie sogar für richtig. Nur, dies impliziert einiges. Wissen wird in der heutigen Zeit ziemlich schnell zum Problem und Gewalt hilft enorm dieses Problem zu unterdrücken. Nun stellt sich die Frage, ob die Gewaltträger es nicht besser wissen und deshalb mit Gewalt anstatt Wissen gegen Wissensträger vorgehen? Buchhalterisch könnte das bedeuten das Gewalt auf kurze Distanz schon billiger als Wissen ist. Auf lange Sicht mit Sicherheit nicht.
    Wissen ist nur billiger als Gewalt, solange keine Gewalt auf Wissen ausgeübt wird. Nur leider ist dies nicht der Fall.

    Liebe Grüße,
    Sandro

    P.S. Interessanter Schreibstil

  3. 4 Milosz 31. January 2010 at 05:41

    Du sagst es, wie Nietzsche: Die Ewige Wiederkehr, Krieg.

  4. 5 Thomas Alexander Jahnke 31. January 2010 at 21:17

    Hallo Marta,
    Vorbilder wie Beck?

  5. 6 melanie Gatzke 3. February 2010 at 10:26

    Eine interessante Betrachtung.
    Aber– Zitat:
    Aber nicht die Flüchtigkeit ist die eigentliche Tragödie. ———–
    Doch , genau das ist die Tragödie-
    alles ist nur noch flüchtig, für den Moment, für die momentane Befriedigung von Bedürfnissen-Wünschen- Begehrlichkeiten u.s.weiter.- dem momentanen Zweck dienend.
    lanfristiges Denken, in Generationen denken, In Zusammmenhängen
    denken, alles vorbei– man ist in Hetze-Eile- immer den höchsten momentanen Profit im Auge.
    Das geht natürlich ins Auge.
    Eine Gesellschaft, die nur noch aus Einzelkämpfern und Einzelgängern besteht, zerfällt. Eine Gesellschaft- mit all ihren Organisationen – die nicht an die Generation danach denkt, hat keine Zukunft.
    Wir erleben das gerade.
    Die Einzelkäpfer und Egoisten von heute werden sich wundern, wer im Alter für sie kämpft, bezahlt, sie versorgt und ihr Dasein sichert.
    Genau- es ist die folgende Generation, deren Existengrundlagen sie – die “Heutigen” Gestalter und Verwalter in ihrer Gier- alles mir und heute und jetzt— vernichtet haben.
    Somit gehen sie auch ihrer eigenen Vernichtung entgegen.
    Nur eine Frage der Zeit.

  6. 7 Anonymous 23. March 2010 at 18:50

    “Wissen billiger als Gewalt”
    ökonomisch gesprochen ja, einfacherweise kann man auch sagen “Wissen ist besser als Gewalt”.
    gewalt ist für idioten. deswegen ja auch gewaltmonopol.

    “Angesichts eines Kusses ist „Gruscheln“ vulgär.”
    und angesicht der möglichkeit sich die gehirne zusammenzukabeln ist ein kuss vulgär und oberflächlich..

    hört mal auf zu heulen.
    die vergangenheit war scheiße, 14×10^9 jahre lange weile und plötztlich: gehirne, sprache, schrift, geld, internet, 4chan, künstliche intelligenz, biotech, nanotechnik, wooohooo!
    und ihr jammert: ich will wieder ein felsbrocken sein!

    pessimisten haben einfach realitätsverlust.. sie können es einfach nicht fassen das sie nicht mehr von irgendeinem bekloppten könig geköpft werden, und jetzt vermuten sie nur vage: irgendwas schlimmes wird schon noch passieren..
    und dann die eigene angst auf den rest der welt projezieren

    ist nichts gegen euch, aber lasst dochmal das fenster zu, geht an den computer und seht wie toll das leben ist. 😀

  7. 8 sofias. 23. March 2010 at 18:59

    ergänzung:
    und das früher alle scheiße war wussen die damals schon, deswegen dachten sie sie würden von göttern terrorisiert und es würden seelen an ihnen kleben..

    (das Anonymous war ich, ich hab vergessen meinen namen zu schreiben wie’s aussieht..)


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