Die Soziologie am Scheideweg – Soziologie in der Wissens- und Mediengesellschaft

“Soziologie 2050 – Wie sieht die Soziologie der Zukunft aus?” Unter diesem Motto haben wir unsere Leser befragt und zur Teilnahme an einem Aufsatzwettbewerb aufgerufen. Jeden Montag veröffentlichen wir nun einen der Beiträge. Diese Woche: Christopher Maier skizziert, wie die Soziologie an neuen Herausforderungen wächst und es zu einer Modernisierung und Erstarkung des Fachs kommt – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Bank of China

Neue Größe im Fokus: Bank of China in Hong Kong / creative commons licence by DigitalUrban, some rights reserved

Der Soziologie wird im gesellschaftlichen Diskurs wahrscheinlich auch im Jahre 2050 die tragische Rolle der Kassandra zukommen. Verzweifelt wird sie warnend und rufend auf die eklatantesten Missstände der Gesellschaft und mögliche Lösungsansätze zu ihrer Beseitigung hinweisen, doch im Wettstreit der Ideen immer wieder den vermeintlich einfacheren Lösungen unterliegen. Dies ist die wahrscheinlichste Entwicklung, doch keineswegs die einzig mögliche.

Prognosen über eine Zeitspanne von mehr als vierzig Jahren ist wenig mehr als Kaffeesatzleserei, doch sie können uns dazu ermutigen, über unsere Wissenschaft zu reflektieren, Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und mögliche Entwicklungstrends zu erahnen. Ich werde in diesem Aufsatz zeigen, vor welchen Veränderungen die Soziologie möglicherweise steht und welche Veränderungen notwendig sind, damit ihr Einfluss auf die Gesellschaft wächst. Hierbei werde ich auf das „Imageproblem“ Soziologie, Trends in der Markt- und Meinungsforschung, neue kulturelle Einflüsse durch den Aufstieg Chinas und Indiens und die Rolle der Soziologie in der Politikberatung eingehen.

Lange musste sie um ihren Platz in den Reihen der etablierten Wissenschaften kämpfen. Denker wie Weber oder Durkheim verwendeten viel Kraft darauf, der Soziologie zu einer Bestandsberechtigung zu verhelfen. Auch wenn dieser Platz heute als gesichert anzusehen ist, wird den Sozialwissenschaften auch heute noch oft mit Skepsis begegnet. Kein Wunder, sind ihre Erkenntnisse doch aufgrund ihres unberechenbaren und schwer durchschaubaren Untersuchungsgegenstandes, dem Menschen in der Gesellschaft, auf unsichere Prognosen und Unwägbarkeiten angewiesen.

Da sich dieses grundlegende Problem auch in ferner Zukunft nicht auflösen wird, bleibt uns nichts übrig, als unsere Methoden und Theorien weiter zu entwickeln und den Mechanismen des menschlichen Zusammenlebens Schritt für Schritt näher zu kommen. Wenn dies jedoch gelingt, kann die Soziologie den Weg in eine sozialere, rationalere und wohlhabender Gesellschaft weisen.

Wäre eine Unternehmensberaterin mit der Bewertung der Soziologie vertraut, so würde sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ihr ein ausgewachsenes Imageproblem attestieren. Dies hat viele Gründe und auf einige werde ich im Folgenden eingehen und mögliche Entwicklungslinien aufzeigen. Die Sprache der Soziologinnen, die sich doch eigentlich mit ganz alltäglichen Dingen wie dem Streit, der Liebe oder der Herrschaft auseinander setzen, trägt nicht dazu bei, den Menschen die Denkweisen der Soziologie nahezubringen. Abstrakte theoretische Konstrukte wie Autopoesis oder Selbstreferenzialität und ein oft verächtlich „Soziologendeutsch“ genannter Sprachstil mit nicht enden wollenden Satzkonstruktionen lösen allzu oft Kopfschütteln aus.

Zwar bedienen sich auch andere Professionen der Fachsprache, doch ihr Gegenstand wird nicht als so „alltäglich“ wahrgenommen, was die Verwendung von Fachtermini gerechtfertigter erscheinen lässt. Aber auch hier gibt es kleine Anzeichen der Hoffnung. Viele junge Wissenschaftler haben das Problem erkannt und bemühen sich um eine klarere und leserfreundlichere Sprache, und versuchen, über die alten und neue Medien auch über ihren Fachbereich hinaus Gehör zu finden. Die Anforderung an die Soziologie wird auch in Zukunft, auch in der Mediengesellschaft des Jahres 2050 sein, komplizierte Zusammenhänge einfach darzustellen, ohne zu vereinfachen.

Der Stand einer Wissenschaft in der Gesellschaft hängt jedoch auch davon ab, inwieweit ihr Wissen in breite Schichten der Gesellschaft einsickert und dort Wirkung entfaltet. Dank der breiten Diskussion in den Medien und einem umfangreichen Wirtschaftsteil in jeder Tageszeitung ist den meisten Menschen heute klar, was ungefähr Inflation bedeutet und wie sich das amerikanische Bankensystem auf den deutschen Markt auswirkt.

Der Soziologie ist es jedoch bisher verhältnismäßig wenig gelungen, soziologisches Wissen in breiten Bevölkerungsschichten zu verankern. Und selbst wenn eine genuin soziologische Debatte wie die über einen demografischen Kollaps die Medien beherrscht, so wird sie kaum der Soziologie zugerechnet. Der wissenschaftliche Mainstream und die Medien denken ökonomisch und die Wirtschaftswissenschaften sind unverkennbar zur Leitwissenschaft aufgestiegen.

Doch es besteht die Hoffnung, dass die gerade in Deutschland starken, historisch gewachsenen Mauern zwischen den Disziplinen bröckeln werden und wir in vierzig Jahren vor einer Zeit der interdisziplinären Zusammenarbeit stehen. Diese Mauern hindern den wissenschaftlichen Fortschritt schon lange, doch in einer Welt der komplexer werdenden Probleme verschärft sich dieser Effekt. Alles Wissen hängt zusammen, jedes Phänomen ist aus vielen Blickwinkeln zu betrachten und dabei nimmt die Wirklichkeit keine Rücksicht auf vom Menschen geschaffene Institutionen bzw. universitäre Disziplinen. Die Einsicht wird wachsen, dass neben aller Spezialisierung und Arbeitsteilung, die seit Jahrhunderten fortschreitet und auch vor der Wissenschaft nicht halt macht, die interdisziplinäre Zusammenarbeit immer wichtiger werden wird.

Zunehmend Raum einnehmen wird die Soziologie jedoch sicher in Feldern wie der Markt- und Konsumforschung und dem ausuferndem Feld der Demoskopie. Der oft konstatierte Weg in eine Wissensgesellschaft macht auch das Wissen über die Meinungen und Befindlichkeiten der Bevölkerung immer wertvoller. Hier liegt auch die Chance einer Demokratisierung der Gesellschaft. Politikerinnen, die dem Willen der Wähler unterworfen sind, konnten über die Meinung des Souveräns nur rätseln. Seitdem durch die Marktforschung fast tagesaktuell die Befindlichkeiten der Bevölkerung und einzelner Wählergruppen verfügbar sind, achtet die Politik mehr denn je auf die Meinungsumfragen. Dieser Trend wird sich auch in den nächsten Jahrzehnten fortsetzen und wenn die direkte Demokratie schon nicht über die Institutionen etabliert wird, so stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Meinungs- und Mediendemokratie dieser indirekt zum Durchbruch verhilft. Die Soziologie kann mit ihren statistischen Methoden ihren Teil dazu beitragen.

Einen kulturellen Umbruch könnte die Soziologie in den kommenden Jahren mit dem rasanten Machtzuwachs der Schwellenländer ereilen. Soziologische Konzepte sind zwar oft universell angelegt, und bereits Klassiker wie Weber betrachteten den asiatischen Kulturkreis in ihren Studien. Dennoch konzentrierte sich soziologische Forschung zumeist auf den westlichen Kulturkreis. Auch ist die Denkweise der Soziologie mit ihren Wurzeln in der europäischen Aufklärung und Industrialisierung stark im Westen verankert.

Dies wird sich im Jahre 2050 womöglich geändert haben. Nicht nur die fortschreitende Globalisierung und die Entstehung einer Weltgesellschaft werden dafür sorgen, dass eine konfuzianische Denkweise Einfluss auf Europa ausüben wird. Auch wird der Bedarf an soziologischer Forschung in einer alternden Gesellschaft wie China mit großen ökologischen und sozialen Problemen weiter wachsen. Man darf gespannt sein, wie eine neue, globale Soziologie in dieser Weltgesellschaft agieren wird, aber diese neuen kulturellen Einflüsse werden mit Sicherheit zu neuen spannenden Debatten führen.

Die Politik wird in den kommenden Jahrzehnten immer mehr auf wissenschaftliche Expertise angewiesen sein. Komplexe soziale Phänomene erfordern sozialwissenschaftlichen Sachverstand, und somit wird der Einfluss der Sozialwissenschaften in diesem Bereich weiter zunehmen. Die Politikberatung wird eine größere Rolle spielen und gerade der bereits angesprochene neue Bedarf nach Interdisziplinarität wird die Stellung der Soziologie in der Politikberatung stärken, da ihre Einflüsse sich schon seit ihrer Entstehung aus vielen benachbarten Disziplinen speisten.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Soziologie im Jahre 2050 sich wahrscheinlich nicht vollkommen von der heutigen unterscheiden wird. Viele der bereits heute vorgezeichneten Entwicklungspfade werden weitergeführt werden und es hängt von vielen Faktoren ab, ob sie ihre Rolle in der Gesellschaft behaupten und ausbauen kann. Es hängt von uns als Soziologinnen und Soziologen ab, ob eine Modernisierung der Wissenschaft im hier vertretenen Sinne gelingt. Die moderne Soziologie ist multikulturell, interdisziplinär, plural und medienorientiert, ohne die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit zu missachten.

Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit wurde bei Berufsbezeichnungen abwechselnd die weibliche und männliche Form verwendet, es jedoch jeweils beide Geschlechter gemeint.

Christopher Maier | Studium der Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Jura | Universität Göttingen

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3 Responses to “Die Soziologie am Scheideweg – Soziologie in der Wissens- und Mediengesellschaft”


  1. 1 Laser 21. July 2009 at 11:06

    Na dann sag ich mal wieder hallo, mir gefällt diese Aufsatz reihe wirklich, dass muss ich schon sagen.

    Deine Ansichten finde ich auch sehr interessant und nehme sie ähnlich war. Das Problem ist nicht, dass soziologische Theorien nicht angewendet werden, in der Öffentlichkeit wie auch interdisziplinär, irgendwie merkt nur niemand, dass diese Theorien von Soziologen sind.

    In meinem Nebenfach (ein genialer Mix namens “Interkulturelle Wirtschaftskommunikation”) fallen mir ständig Theorien auf die aus der Soziologie kommen, v.a. im BWL Teil wird dies aber keineswegs so genannt. Man versucht da eher sich alles selbst zuzuschreiben. Teilweise ist das schon fast amüsant :).

    Nun stellt sich mir gerade allgemein die Frage: Wollen wir für jede Arbeit, die irgendwo verwendung findet, größtmögiche Resonanz bekommen. Oder auch mal stillschweigend Veränderungen aufzeigen, die andere übernehmen?

    Eine gute Mischung aus beidem scheint mir am Besten. Nur stört es mich schon, dass keiner (bzw. wenige; und außerhalb des universitären Sektors) etwas mit dem generellen Begriff “Soziologie” anfangen können.

    Na ja, mein Kommentar ist jetzt irgendwie nicht sehr aussagekräftig, der Aufsatz wagt aber auch keine großen Sprünge aus dem Fenster =). Wissens-, Welt-, Mediengesellschaft sowie Interdisziplinarität erkenne ich heute schon in großen Zügen.

  2. 2 Chris 24. July 2009 at 11:37

    Danke erstmal für deinen Beitrag. Es ist natürlich die Frage, ob man auch bei diesem Thema eine solche Konkurrenz der Disziplinen aufbauen sollte. Mal ganz idealistisch gesprochen: Ist es nicht egal, welchen Disziplinen der Wissensfortschritt zum Wohle der Menschheit zugerechnet wird? Welchen Unterschied macht es, wenn wir der Theorie nun “betriebswirtschaftlich”, “soziologisch” oder irgendeinen anderen Namen geben?
    Aus meiner Perspektive bleibt es jedoch nicht bei einem bloßen Namen, sondern “Die Soziologie” ist mit einer eigenen Sichtweise auf die Welt verbunden, die sie von anderen Disziplinen unterscheidet. Daher ist es aus meiner Perspektive wichtig, dass die Soziologie (nicht verstanden als Institution, sondern in Form der in ihr arbeitenden WissenschaftlerInnen) sich und damit die ihr eigenen Weltsicht in den Diskurs einbringt.
    Und genau da liegt oft genug das Problem, wenn öffentliche Diskurse von ökonomischen Theoriegebäuden dominiert werden.

    Eine weiter Anmerkung: Nein, ich lehne mich mit meiner Prognose wirklich nicht weit aus dem Fenster. 😉 Doch ich denke, dass viele der von mir beschriebenen Entwicklungen wie eine größere kulturelle Diversität bisher im Bewusstsein der Wenigsten verankert ist. 🙂

  3. 3 Sowi 28. March 2012 at 11:20

    Es ist doch wie bei sovielem dieser Tage das Problem der Wertschätzung. Außer Geld wird nichts mehr so wert geschätzt, auch wenn man sich nach Außen hin anders artikuliert. Sei es bei der Arbeit oder auch in der privaten Sphäre: Die Übernahme des Wirtschaftstheorem auf andere Bereiche spart natürlich auch die Soziologie nicht aus. Was bringt es denn Soziologen zu beschäftigen, wenn die Ingenieure das Geld bringen und Wirtschaft auf Trab halten. Das sind ja aber keine neuen Vorstellungen. Nur nach dem Krieg war man sich bewußt, dass es diese Leute braucht um ein soziales Nebeneinander zu garantieren. Doch die Auflösung des sozialen Friedens ist ja kein Theorem mehr. Schon lange wird von Politik und Wirtschaft daran gearbeitet und wie die Geschichte zeigt, wissen wir auch schon wie das ausgehen wird…


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