Web 2.0 – Enten und ihre Folgen

von Martin Booker

Das Web 2.0 revolutioniert die Welt! Millionen von Menschen vernetzen sich, schaffen mit Blogs ihr eigenes Nachrichtenportal, schreiben bei Wikipedia an Artikeln mit, nehmen an öffentlichen Diskursen teil, wie dies früher nie möglich war. Doch dieser Self-Made-Charakter des neuen Informationszeitalters, diese Demokratisierung des Wissens treibt auch seltsame, bisweilen skurrile Blüten.

Letzte Woche wurde ich auf folgende Geschichte aufmerksam: Zwei Fußballfans hatten sich einen Scherz erlaubt. Als bekannt wurde, dass die bisher weitgehend unbekannte Mannschaft Omonia Nikosia aus Zypern im UEFA-Cup Manchester City zugelost worden war, editierten sie den Wikipedia-Eintrag zu der Mannschaft. Insbesondere ging es um einen Zusatz in der Sektion “Fans”:

“A small but loyal group of fans are lovingly called “The Zany Ones” – they like to wear hats made from discarded shoes and have a song about a little potato.”

Diese Falschinformation blieb nicht nur über einen längeren Zeitraum auf der Seite, sondern fand tatsächlich seinen Weg in die Mainstream-Medien. Der Journalist David Anderson vom Daily Mirror schrieb über die “Zany Ones” mit den seltsamen Hüten als wäre dies ein Faktum – und sorgte für reichlich Heiterkeit bei den Machern dieser Ente. Das Adjektiv “zany” übersetzt sich übrigens mit “verrückt, clownesk”, was natürlich sehr bezeichnend ist für diese Aktion.

Wie eine schnelle google-Suche zeigt, wird Wikipedia desöfteren zur Zielscheibe von solchen Scherzen. Insbesondere das Ableben von Prominenten wird gerne mal auf wikipedia verkündet [1, 2]. Der Eintrag über das englische Dorf Denshaw wurde gleich mehrmals zum Ziel von Web-Vandalen. Laut Wikipedia war dort die Bevölkerung abwechselnd mit Bandwürmern verseucht, bestand aus “vier Übergewichtigen und Mangelernährten”, bekam wegen der umliegenden Berge kaum Sonnenlicht oder beging ihren jährlichen Blasmusik-Wettbewerb mit “Küheschießen, Felsenrollen und Schafschleudern”. Immerhin, die Anwohner schienen es mit Humor zu nehmen.

Noch haben Pannen wie diese dem Ruf von Wikipedia nicht wirklich geschadet. Studien wollen immer wieder mal gefunden haben, dass das beliebte Online-Lexikon besser ist als etwa Brockhaus oder die Encyclopedia Britannica. Doch die Frage bleibt, wieviele solcher Pannen es sich leisten kann.

Diese Geschichten mögen amüsant sein, verweisen aber auf ein Strukturmerkmal des Web 2.0: Einerseits macht es Wissen immer breiter verfügbar, vernetzt die jeweilige Expertise von Millionen von Menschen und bringt sie miteinander ins Gespräch. Andererseits macht es Information immer unzuverlässiger. Keiner kann sich wirklich darauf verlassen, dass der Inhalt eines Wikipedia-Artikels stimmt oder die Aussagen in einem Blog wie diesem, der keiner peer-review unterliegt, wirklich zutreffend sind oder Substanz haben.

Ich vermute aber, dass dies langfristig einen sehr positiven Effekt auf das kritische Denkvermögen der Menschen haben wird. Bereits heute hört man in Gesprächen nicht selten den Satz: “Und woher hast Du die Information? Doch nicht etwa von Wikipedia!” Das Filtern und Bewerten von Information wird im Zeitalter des Web 2.0 zu einer fortwährenden Übung im kritischen Denken.

In diesem Sinne kann man wohl davon ausgehen, dass die Demokratisierung des Wissens nicht nur direkt, sondern auch über den Umweg von unbeabsichtigten Nebenwirkungen einen positiven Effekt für das Gemeinwesen haben wird.  Die Unzuverlässigkeit der neuen Informationsgesellschaft ist zwar nicht im Sinne ihrer Erfinder, sorgt jedoch dafür, dass die Menschen ständig im kritischen Denken trainiert werden und nicht mehr alles glauben. Wer kritisch denkt und hinterfragt, lässt sich dann auch keinen Populismus, keine schlechte Politik und keine Korruption verkaufen.

Oder wird es genau anders herum laufen? Wird die Flut an Informationen, die tagtäglich über die Menschen hereinbricht zu einer Überforderung führen und den Wunsch nach einfachen Antworten, nach (politischer) Führung und Autorität nähren? Wird im Meer der Beliebigkeit die Aufklärung untergehen und sich irrationale Erklärungsmuster, Verschwörungstheorien oder religiöse Weltbilder durchsetzen?

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