In der Psyche eines Mafia-Killers – ein Gespräch mit Girolamo Lo Verso

von Martin Booker
Die Universität Palermo bietet einen angenehmen Kontrast zum lauten Chaos der Stadt. Bereits die wohlgeordneten Straßen und Parkplätze, die gepflegten Grünflächen und Betonfassaden vermitteln einen Hauch von Westeuropa, wie er in Palermo sonst nur schwer zu finden ist. Auch das Innere der Fakultät für Psychologie unterscheidet sich mit seinen hilfreichen Ausschilderungen, Aushängen und Büroschildern kaum von einer deutschen Universität. Lediglich die notorisch defekten Toiletten erinnern den Besucher noch daran, dass er sich weiterhin in Sizilien befindet.
Professor Lo Verso begann 1992 mit seinen Forschungen über die Mafia. Der damals ermordetete Staatsanwalt Giovanni Falcone hatte zuvor der Universität vorgeworfen, sie tue nichts in Sachen Mafia und ignoriere das Phänomen. Die Bombe von Capaci, so Lo Verso, war nicht nur für ihn ein Weckruf: Wer die Mafia bekämpfen wollte, musste sie erst einmal kennen lernen. Heute arbeiten Psychologen, Soziologen, Historiker, Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler in Palermo an ihrer Erforschung.
Doch wie kommt man in einer Gesellschaft der Omerta, in der Verschwiegenheit und Mißtrauen gegenüber Fremden hohe Werte sind, an Informationen über die Psyche von Mafiosi? Lo Verso hatte die Gelegenheit, mit Frauen und Kindern aus Mafia-Familien Therapiegespräche zu führen. Typische Klienten sind für ihn etwa Frauen, deren Männer verhaftet wurden und die in der Folge unter Einsamkeit, unter Sorgen und Zukunftsängsten litten, und sich in ihrer Not an ihn wendeten. Doch auch die Gespräche mit Pentiti, mit reuigen Aussteigern, sowie mit Richtern und Staatsanwälten, die etwa über geheimes Abhörmaterial verfügen, sind wichtige Quellen für seine Arbeit.
Als Mafioso wird man geboren, so Lo Verso, doch man wird auch dazu gemacht. Nach offiziellen Angaben gibt es in Sizilien etwa 5.000 initiierte Mafiosi, also solche, die in Mafia-Familien hineingeboren und entsprechend sozialisiert werden, und – so sie sich als tauglich erweisen – als junge Erwachsene in einem feierlichen Ritus in die Cosa Nostra aufgenommen werden. Daneben gibt es unzählige Handlanger und Fußsoldaten, die aber an dieser Stelle nicht weiter von Interesse sind.
Die mafiose Sozialisation läuft vor allem darauf hinaus, den Jungen zu einer durchsetzungsfähigen Persönlichkeit heranzubilden, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt, und sich stets an die Schweigepflicht, die Omerta, hält. Von Beginn an wird der kleine Junge wie ein zukünftiger Mafioso behandelt. Schon sehr früh wird ihm etwa beigebracht, dem anderen Kind aus der Klasse Schläge zu verpassen, wenn es ihn hänselt oder auch nur schief anschaut. Die Eltern achten streng auf den Umgang des Kindes. Kinder von Kommunisten, die Angehörigen von Ordnungshütern jedweder Art, sowie Homosexuelle sind personae non gratae, mit denen sich ein kleiner Mafia-Junge besser nicht zeigt. Überhaupt sollte er eher schweigen als zuviel mit Anderen zu sprechen.
In der eng gestrickten Familie übernehmen auch die Onkel eine wichtige Rolle in der Erziehung der Kinder. Insbesondere die langsame Heranführung der Heranwachsenden an das Morden wird von ihnen übernommen. Wie angesehen ein Mitglied der ehrenwerten Gesellschaft am Ende ist, misst sich eben auch an der Anzahl der Morde, die er begangen hat, und an deren Kaltblütigkeit.
Das systematische Training für den gewissenlosen Mord, so berichtet uns der Psychologie-Professor, beginnt im Alter von elf bis dreizehn Jahren. In einem ersten kleinen Schritt wird der Junge aufgefordert, mit einem Holzknüppel einem anderen Jungen, der ihm nicht passt, ordentliche Schläge zu verpassen. Mit 14 oder 15 kommen schließlich Handfeuerwaffen ins Spiel. Zunächst darf oder muss der Heranwachsende einen Hund erschiessen, später vielleicht ein Pferd. Bei nächster Gelegenheit nimmt man ihn zu einem Mord mit, bei dem er zunächst nur zuschauen darf. In einem weiteren Schritt wird er nach der wiederum von den Komplizen begangenen Tat einen Schuss auf das bereits tote Opfer abfeuern. Irgendwann wird der Nachwuchs-Mafioso schließlich soweit sein, dass er selbst an der Schießerei teilnimmt und als Krönung und absoluten Beweis seiner Männlichkeit darf er schließlich den ersten Schuß abfeuern.
Das Ergebnis dieser Sozialisation ist erstaunlich. Lo Verso berichtet von “Ehrenmännern”, die auch nach ihren Mordtaten in keinster Weise nachgrübelten, von keinerlei Albträumen geplagt wurden. Auch bei Verhaftungen zeigen Mafiosi in der Regel keinerlei Emotionen, scheinen frei von Angst zu sein. Lo Verso zufolge widerlegt dies die gängigen psychologischen Theorien, denn bei normalen Menschen müsste sich früher oder später ein, wenn auch unterbewusstes Gewissen bemerkbar machen. Die mafiose Sozialisation jedoch scheint so rigoros zu sein, dass dieses effektiv abtrainiert werden kann. Erst mit einem Austritt aus der ehrenwerten Gesellschaft, so der Professor, bricht die mafiose Wir-Identität zusammen und wird eine Menschwerdung wieder möglich.
Es ist kein Zufall, dass Sexualität für die Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft kaum eine Rolle spielt. “Kommandieren ist besser als Ficken” raunt uns Professor Lo Verso entgegen, nach diesem sizilianischem Sprichwort handeln die Mafiosi. Männer seien an einer Beziehung zu ihren Frauen nicht interessiert, die Frauen empfinden nichts bei einem Sexualakt, der äußerst kurzweilig zu sein scheint. “Was würden Sie von einem Mann halten”, fragt Girolamo Lo Verso die anwesenden Damen, “der nur 15 Sekunden durchhält?”
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3 Responses to “In der Psyche eines Mafia-Killers – ein Gespräch mit Girolamo Lo Verso”


  1. 1 Stefan Spiess 9. March 2008 at 18:19

    Hallo Martin!
    Schön geschrieben. Ich arbeite noch an meinem, es ist etwas weniger kurzweilig als dein Thema, über Addiopizzo zu schreiben, wie ich finde. 😉 See ya, Steff

  2. 2 Anita Bestler 9. March 2008 at 21:13

    Lieber Martin,
    Dir ist es wirklich gut gelungen, die Atmosphäre an der Uni Palermo und die Aussagen von Prof. Lo Verso einzufangen. Complimenti!

  3. 3 Soziobloge 15. March 2008 at 13:28

    Das ist schon sehr beeindruckend, wie Erziehung sich auf das Verhalten eines Menschen auswirkt.


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