Das Web 2.0 revolutioniert die Welt! Millionen von Menschen vernetzen sich, schaffen mit Blogs ihr eigenes Nachrichtenportal, schreiben bei Wikipedia an Artikeln mit, nehmen an öffentlichen Diskursen teil, wie dies früher nie möglich war. Doch dieser Self-Made-Charakter des neuen Informationszeitalters, diese Demokratisierung des Wissens treibt auch seltsame, bisweilen skurrile Blüten. weiterlesen ‘Web 2.0 - Enten und ihre Folgen’
Ein wirklich sehenswertes Video zur Anthropologie von YouTube hat die Seite rebell.tv ausgegraben. Der Anthropologe Michael Wesch von der Kansas State University erklärt in 55 äußerst unterhaltsamen und informativen Minuten das Phänomen YouTube aus anthropologischer Sicht. Wer nutzt die populäre Videoplattform? Warum? Und inwiefern entstehen in den Weiten des Web 2.0 neue, weltweite YouTube-communities? Wer sich für diese Fragen interessiert, sollte sich die Zeit nehmen. Es lohnt sich!
Dieser Link führt zu dem Video auf YouTube (mit Vollbildfunktion)
Dass wir irgendwie um zwei, drei Ecken alle möglichen Leute kennen, dass die Summe der Freunde unserer Freunde vielleicht schon eine Kleinstadt ausmachen könnte, damit rechnen wir fast schon instinktiv. Viele Social-Networking-Seiten spielen mit dieser Funktion. Wie aber sieht dies in Wirklichkeit aus?
Microsoft hat nun versucht, der Sache auf den Grund zu gehen und eine Studie über die Konnektivität von Internetnutzern erstellt. 30 Milliarden Sofortnachrichten, die im Zeitraum Juni 2006 über Microsoft Messenger liefen, wurden dabei untersucht - dies entspricht der Hälfte des weltweiten Chat-Verkehrs. Zwei beliebige Personen wurden dann als “einander bekannt” eingestuft, wenn sie sich eine Sofortnachricht zusandten. Registriert wurde dann, über wie viele solche “Bekanntschaften” eine Nachricht laufen müsste, um alle Nutzer zu erreichen.
Das Ergebnis ist erstaunlich: Um durchschnittlich 6,6 Ecken, so suggeriert die Studie, kennt jeder Mensch auf der Welt jeden Anderen. Eric Horvitz, einer der Leiter der Studie, zeigte sich laut Washington Post schockiert angesichts des Ergebnisses: “Diesen Verdacht, dass wir alle wirklich eng zusammenhängen, gibt es schon lange. Aber wir zeigen auf einer sehr großen Datenbasis, dass diese Idee mehr ist als nur Folklore.”
Die “Kleine-Welt-These” (”six degrees of separation”) wurde ursprünglich von dem US-Soziologen Stanley Milgram aufgestellt. In Experimenten hatte er Probanden gebeten, über mehrere Stationen Briefe an Menschen in jeweils anderen Wohnorten zu schicken, die sie nur mit Namen kannten. Durchschnittlich liefen diese Briefe nach Angaben Milgrams über sechs Stationen. Allerdings entlarvte 2006 die Psychologin Judith Kleinfeld diese These, nachdem sie herausgefunden hatte, dass 95 Prozent der Briefe nie angekommen waren. Die neue Studie jedoch scheint Milgram nun doch wieder recht zu geben.
Schade, dass Erving Goffman das Zeitalter der Flashmobs nicht mehr miterleben durfte, er hätte wohl seine wahre Freude daran gehabt! Ein Flashmob bezeichnet einen scheinbar spontanen, meist über Internet und/oder per SMS organisierten Menschenauflauf, der auf ein Signal hin eine nach geltenden Normen ungewöhnliche Aktion durchführt. So fangen die Teilnehmer etwa plötzlich an zu tanzen (mit oder ohne Musik), erstarren für mehrere Minuten in ihren Bewegungen oder kaufen zum selben Zeitpunkt im selben Geschäft dasselbe Produkt (so etwa die berühmt gewordenen 10.355 Hamburger in einem Berliner Schnellrastaurant).
Sinn dieser Aktionen? Meistens keiner. Als Erfinder der Flashmobs gilt der New Yorker Journalist Bill Wasik. Am 3. Juni 2003 versammelten sich “mehr als Hundert Teilnehmer in einem Kaufhaus um einen Teppich. Den Kaufhaus-Mitarbeitern teilten sie mit, dass sie einen „Liebes-Teppich“ suchten und Kaufentscheidungen grundsätzlich gemeinsam träfen. Danach versammelte sich eine noch größere Gruppe in einer Hotel-Lobby und applaudierte exakt 15 Sekunden, schließlich strömten die Teilnehmer in ein Schuhgeschäft und gaben sich dort als Touristen aus.Bill Wasik hat in einem Artikel im März 2006 bekundet, seine Absicht sei gewesen, hippe Leute vorzuführen, die in einer Atmosphäre der Konformität nur danach strebten, Teil der „nächsten großen Sache“ zu werden, egal, wie sinnfrei diese sei.” (Zitat aus dem Wikipedia Artikel “Flashmob”.)
Goffman hätte wohl besonders die Verletzung der Interaktionsordnung interessiert. Die geltenden Normen werden für kurze Zeit ausser Kraft gesetzt und unbeteiligte Passanten wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. In diesem Video etwa treffen sich die Teilnehmer des Flashmob in einem Supermarkt in Manchester und, auf ein Geräuschsignal hin, erstarren in ihren Bewegungen, wie sie gerade stehen. Wenig bedrohlich - die meisten unbeteiligten Passanten tun so, als wäre nichts besonderes (sehr britisch, nehme ich an). In jedem Fall eine skurrille Szene: Ist die Zeit stehengeblieben?
Heute lief die Meldung von einer ersten Verhaftung über die Newsticker. Ein Flashmob hatte sich am Thomas Jefferson Memorial in Washington versammelt und wollte den Geburtstag des Verfassungsvaters feiern. Die Beteiligten - mit IPod am Ohr und jeweils eigenem Soundtrack - tanzten in aller Stille in den feierlichen Hallen des Memorials. Wie reagiert man auf diesen unerwarteten Bruch der geltenden Interaktionsordnung? Die Sicherheitsbeamten sind mit der Situation offensichtlich überfordert und reagieren mit der Verhaftung einer der friedlichen Flashmobberinnen. Sehr zum Unmut der Beteiligten natürlich (Warning: strong language):
Das Ganze erinnert stark an die sog. Krisenexperimente von Garfinkel, Goffman & Co. Durch ein übertriebenes Einhalten oder eine offensichtliche Verletzung von geltenden Normen woll(t)en v.a. Enthnomethodologen und Symbolische Interaktionisten die Handlungsnormen zum Vorschein bringen, denen wir im Alltag routinemäßig folgen ohne darüber nachzudenken.
Die Organisatoren von Flashmobs haben zwar wohl nur selten diese sozialwissenschaftliche Motivation, dennoch zeigen die Aktionen - manche mehr, manche weniger - genau diese Normenordnungen auf und halten ihr den Spiegel vor. Und weil das Web 2.0 alles so leicht macht und neue Medien so billig sind, können die Ergebnisse in kürzester Zeit für alle zugänglich auf YouTube u.ä. veröffentlicht werden. Würde Goffman noch unter uns weilen, er würde höchstwahrscheinlich viel Zeit im Internet verbringen!
David Gauntlett habe ich vor wenigen Tagen schon vorgestellt. Er ist jener englische Soziologe, der das Soziologische Quartett entworfen hat (University of Westminster, Website www.theory.org.uk, Facebook-Gruppe). Gauntlett hat aber auch ein paar gute Videos auf YouTube veröffentlicht. Da sein Gebiet der Expertise vor allem im Bereich der Medien-Soziologie liegt, und er entsprechenden Forschungsprojekten nachgeht, verwundert es nicht, dass das folgende kleine Video sich mit dem Verhältnis von Medien und Alltagsleben auseinandersetzt.
Gauntlett geht insbesondere auf die Veränderung dieses Verhältnisses durch die neuen Medien des Web 2.0 ein. War es früher nur einigen wenigen, gut finanzierten großen Anstalten möglich, die Menschen mit Nachrichten zu versorgen (den Media Gods gegenüber den Little People), kann heute jeder Mensch mit Internetzugang selbst Nachrichten produzieren. Eine Top-Down Vermittlung von Nachrichten und Wissen wurde im Zeitalter von YouTube, Wikipedia und MySpace zunehmend von einem vernetzten und dezentralisierten Austausch abgelöst.
Gauntlett argumentiert jedoch, dass dies keineswegs eine neue Erscheinung ist. Vielmehr war die Nachrichtenvermittlung durch große Institutionen historisch gesehen eine Ausnahmesituation. Die Welt von Wikipedia und Blogosphäre ist nach dieser Lesart vielmehr eine Rückkehr zu den Zeiten als noch jeder seine Geschichten auf dem Dorfplatz zum Besten geben konnte.
Die Süddeutsche Zeitung hat die Serie “Zeitenwechsel” zum Thema Zukunft des Journalismus gestartet. In acht Interviews werden namhafte Experten zu den derzeitigen und zu erwartenden Umwälzungen in der Medienlandschaft befragt. Den Anfang machte diese Woche John Lloyd, der u.a. Direktor des Reuters Institute for the Study of Journalism an der UniversitätOxford ist, sowie Mitherausgeber der “Financial Times“ und Kolumnist für “La Repubblica“. Er spricht über die Bedeutung von Internet-Auftritten, welche Zeitungen wohl überleben werden und die zukünftige Rolle von Blogs und Vlogs. Zum Lloyd-Interview “google-News ist unser Feind”. Auf die weiteren Experten-Gespräche bin ich jedenfalls sehr gespannt!
Wolfgang hat mich heute auf ein sehr interessantes Interview aufmerksam gemacht: DIE ZEIT hat den niederländischen Politikwissenschaftler und Medienexperten Geert Lovink zum Thema Blogger-Gesellschaft befragt. In dem Interview werden wichtige Fragen einer sich herausbildenden Web-Soziologie aufgeworfen und einige Konzepte vorgestellt. Bewegen wir uns auf eine Kultur der Amateure zu, die den Informations- und Meinungsprofis Konkurrenz macht? Oder ist das Bloggen einfach nur eine neue Möglichkeit des Selbstausdrucks, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten? Wie hängen Demokratie und Blogosphäre zusammen, falls überhaupt? Was lässt sich über die Zukunft des Bloggens sagen, falls Voraussagen überhaupt möglich sind?
Zunächst zu dem Artikel auf ZEIT Online, der meine Aufmerksamkeit für dieses Thema erregt hat (und den ich bereits weiter unten erwähnt habe). Darin heisst es:
“Nach gut begründeten Schätzungen der Website Blog Herald existieren weltweit etwa 200 Millionen Blogs; allein in China mehr als 30 Millionen, 20 in Südkorea, 10 in Japan und in Indien 1,2 Millionen. Neben Großbritanniens 4 und Spaniens 1,6 Millionen sowie den 600.000 Blogs in den Niederlanden nimmt sich die deutsche Zahl von 300.000 bisher eher bescheiden aus.”
Die hier zitierten Zahlen stammen allerdings aus dem Jahr 2006, die über Deutschland gar aus dem Juli 2005. Bei Blog Herald habe ich keine neueren gefunden, aber vielleicht weiss ja ein verehrter Leser eine neuere Quelle und weist mich freundlicherweise mit einem Kommentar darauf hin. weiterlesen ‘Warum die Bloggerszene in Deutschland hinterherhinkt’