Archiv der Kategorie 'Schwerpunkt Mafia'

Moderne vs. Mafia - eine funktionalistische Sichtweise: Die Moderne als Importware

Posted by Martin Booker

Eines vorweg: Puristen mögen mir den wenig differenzierten Umgang mit dem Begriff “Moderne” verzeihen. Für diesen Artikel halte ich die praktizierte Art und Weise aber für ausreichend. Mehr zum Thema Moderne in diesem guten Wikipedia-Artikel.

Die Moderne ist vor allem eine nordeuropäische Unternehmung, streng genommen könnte man vielleicht sogar von einem anglo-amerkanischen Projekt sprechen. Dort bildeten sich jene Strukturmerkmale zuerst heraus, die wir heute gerne unter dem Begriff “Moderne” zusammenfassen: Demokratie, Freiheitsrechte, freie Marktwirtschaft, die Gleichheit vor dem Gesetz. Während sich die französichen Revolutionäre “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” auf die Fahnen schrieben (aber den eigenen Ansprüchen keineswegs gerecht wurden), waren diese Prinzipien in Großbritannien und v.a. den jungen USA bereits in gewissem Umfang Realität. So zumindest die Beobachtung einer Reihe von französischen Intellektuellen von Tocqueville bis Baudrillard.

Heute hat sich diese angelsächsische Version der Moderne in vielen Staaten der Welt mehr oder weniger durchgesetzt. Insbesondere das weltumspannende britische Empire, zwei gewonnene Weltkriege und der Konformitätsdruck im Westblock des Kalten Krieges beschleunigten diesen Prozess. Wo liegt jedoch der Unterschied zwischen einer Moderne, die evolutionär im Laufe von Jahrhunderten gewachsen ist und einer Moderne, die importiert wurde und auf eine andere und anders gewachsene Kultur aufbauen muss? weiterlesen ‘Moderne vs. Mafia - eine funktionalistische Sichtweise: Die Moderne als Importware’

Wahlen in Italien: Die Wahlstimmentricks der Mafia

Posted by Martin Booker

Wie heute in der SZ zu lesen ist, wird es den Italienerinnen und Italienern bei den Wahlen morgen verboten sein, Fotohandys oder Fotoapparate mit in die Wahlkabinen zu nehmen (zum Artikel). Dies soll eine in vielen Gebieten v.a. Süditaliens übliche Praxis der Mafia unterbinden. Die nämlich zahlt den Wählern kleinere Beträge, wenn sie ihre Stimme an einen bestimmten Kandidaten geben. Und dokumentieren kann man das eben am besten, wenn man vor der Stimmabgabe in der Wahlkabine noch schnell ein Foto des richtig ausgefüllten Stimmzettels macht und anschließend dem vor dem Wahllokal wartenden Mafioso zeigt.

Die Mafia in Italien gilt vielen als bewaffneter Arm der Politik. Viele Regierungen der Vergangenheit (insbesondere jene der Christdemokraten) konnten sich auf eine hohe Zustimmung aus dem Süden des Landes stützen. Abgeordnete kauften Stimmen von der Mafia und ließen ihr und ihren Handlangern im Gegenzug öffentliche Aufträge zukommen oder intervenierten, wenn die Justiz mal wieder zu neugierig wurde. Die Mafia ist also nicht unbedingt (bzw. nicht nur) ein Staat im Staat und tritt in Konkurrenz zu ihm. Vielmehr ist sie mit dem Staat und der Politik selbst sehr eng verbunden und kooperiert bisweilen mit ihr. Der Staat ist in Italien teilweise selbst die Mafia. Dies gilt übrigens insbesondere für die N’drangheta in Kalabrien, in weniger starkem Maße für die Mafia in Sizilien, noch etwas weniger für die Camorra in Kampanien. In Russland etwa und in vielen Osteuropäischen Ländern finden sich ähnliche Strukturen.

Doch auch das Fotohandyverbot wird die Wahlbetrüger nicht stoppen. Eine andere, traditionellere Methode der Mafia, die “richtige” Wahl festzustellen und anschleißend zu belohnen, funktioniert folgendermaßen: Ein Mitarbeiter des Wahllokals schmuggelt einen Stimmzettel aus dem Lokal. Ein Herr der “ehrenwerten Gesellschaft” füllt nun den Bogen mit der/den gewünschten Stimmen aus und postiert sich vor dem Wahllokal. Der ausgefüllte Stimmzettel wird an einen bereitwilligen Wähler gegeben, der in das Wahllokal geht, heimlich den manipulierten Zettel einwirft und mit dem eigenen, noch leeren Stimmzettel wieder herauskommt und dem Mafioso aushändigt. So kann er sicherstellen, dass der oder die Wähler/in auch den oder die Richtige/n gewählt hat. Der leere Stimmzettel wird wiederum von dem “Ehrenmann” ausgefüllt und an den nächsten weitergegeben. Das Spiel beginnt von vorne.

Übrigens sind am Sonntag auch Wahlen zum Provinzparlament in Sizilien - und auch dort geht es um viel und unter anderem um die Frage, ob der Mafia weitere entscheidende Schläge verpasst werden können. Dazu mehr in den nächsten Tagen. Bis dahin verweise ich auf unseren “Schwerpunkt Mafia“, unter dem bereits zahlreiche Artikel zu dem Thema erschienen sind.

Schöne Aussichten für Sizilien - Ein Interview mit Enrico Bellavia

Posted by Stefan Spiess © 2008

Das kritische Hinterfragen von Informationen ist einer der Kernbereiche der Soziologie. Wir alle kommunizieren miteinander, wir spielen uns gegenseitig etwas vor. Dabei muss das nicht stets mit unlauteren Absichten verbunden sein – Wenn es aber um die Mafia geht, ist ausnahmsweise nicht derjenige der Schuft, der Böses dabei denkt. Enrico Bellavia (La Repubblica, Redaktion Palermo) erklärt uns ein Stück weit, wie die italienischen Medien funktionieren, warum ein guter Journalist ein investigativer Journalist sein muss, was ihm die Nähe zu den Menschen bedeutet und wie er im soziologischen Sinne die Rolle der Medien in einem Staat sieht.

weiterlesen ‘Schöne Aussichten für Sizilien - Ein Interview mit Enrico Bellavia’

AddioPizzo – Antiracket der neuen Generation

Posted by Stefan Spiess © 2008

Vom Tennis zur Mafia, vom Schweigen zur öffentlichen Debatte, von der organisierten Kriminalität und dem Einzelkämpfertum zum organisierten, zivilbürgerlichen Widerstand gegen Schutzgeld und Gewalt - AddioPizzo Palermo weiterlesen ‘AddioPizzo – Antiracket der neuen Generation’

Mafia und Klerus - der klerikal-mafiose Stil der katholischen Kirche in Sizilien

Posted by Martin Booker © 2008

Hannah Arendt warnte einst vor den Folgen, die ein Rückzug in das Private und eine Verweigerung gegenüber normativen Diskursen für die Politik hat: Sie wird illegitimen, bisweilen totalitären Regimen überlassen. Sizilien ist geprägt von einem Privatismus, der auch vor der allgegenwärtigen katholischen Kirche nicht Halt macht. Wie fast alle gesellschaftlichen Kräfte im südlichen Italien überlässt auch sie den öffentlichen Raum der Mafia und ihrer Willkür. Eine seltene Ausnahme ist Padre Nino Fasullo, den wir in seinem Pfarrzentrum in Palermo treffen. weiterlesen ‘Mafia und Klerus - der klerikal-mafiose Stil der katholischen Kirche in Sizilien’

Straßenverkehr - ein Spiegel der politischen Kultur?

Posted by Martin Booker © 2008

Bei meinem neuerlichen Aufenthalt in Palermo fiel mir mal wieder auf, wie sehr doch unser Verhalten im Straßenverkehr unsere jeweilige politische Kultur widerspiegelt. Auch auf der Straße geht es um die Frage, wie man Macht und die eigenen Interessen durchsetzt, um Fragen der Rücksichtnahme auf schwächere Verkehrsteilnehmer, um das Maß, wie sehr man die Interessen der Anderen respektiert. Und vor allem darum, was in diesen Abstimmungsprozessen als legitim erachtet wird. weiterlesen ‘Straßenverkehr - ein Spiegel der politischen Kultur?’

Die Mühlen der sizilianischen Justiz - ein Gespräch mit Staatsanwalt Guido Lo Forte

Posted by Martin Booker © 2008

Der Justizpalast bietet eine wunderbare Aussicht über Palermo mit seinen eindrucksvollen Kuppeln und Kirchen, Schlössern und Theatern, Armenvierteln und Gefängnissen. Die Stadt ist eingerahmt vom Meer auf der einen Seite und Bergen auf der anderen, die Skyline erinnert fast ein wenig an Barcelona, jene ferne mediterrane Erfolgsstory. Doch Palermo repräsentiert die andere, dunklere Seite des Mittelmeers. Hier herrscht die Mafia, hier liefert sich der Staat einen Machtkampf mit der Cosa Nostra, sofern er nicht selbst von ihr durchsetzt ist. Hier können sich engagierte Anti-Mafia-Kämpfer nur mit strengem Polizeischutz und hinter verschlossenen Vorhängen bewegen. Der Staatsanwalt Guido Lo Forte empfängt uns in seinem Büro ohne Aussicht und nimmt sich viel Zeit für die Besucher aus Deutschland. Er berichtet von der schwierigen Arbeit der Justiz, von den neuen Erfolgen in der Bekämpfung der organisierten Kriminalität und von den Möglichkeiten der Überwindung der Mafia. weiterlesen ‘Die Mühlen der sizilianischen Justiz - ein Gespräch mit Staatsanwalt Guido Lo Forte’

In der Psyche eines Mafia-Killers - ein Gespräch mit Girolamo Lo Verso

Posted by Martin Booker © 2008
Zugegeben, ich habe mit etwas Zeit lassen mit den angekündigten Mafia-Beiträgen, aber andere Verpflichtungen usw… Hier nun ein Bericht über unseren Besuch bei dem Psychologie-Professor Girolamo Lo Verso an der Universität Palermo. Der Termin fand im Rahmen der Sizilien-Exkursion des Lehrstuhls Soziologie Regensburg statt.
Die Universität Palermo bietet einen angenehmen Kontrast zum lauten Chaos der Stadt. Bereits die wohlgeordneten Straßen und Parkplätze, die gepflegten Grünflächen und Betonfassaden vermitteln einen Hauch von Westeuropa, wie er in Palermo sonst nur schwer zu finden ist. Auch das Innere der Fakultät für Psychologie unterscheidet sich mit seinen hilfreichen Ausschilderungen, Aushängen und Büroschildern kaum von einer deutschen Universität. Lediglich die notorisch defekten Toiletten erinnern den Besucher noch daran, dass er sich weiterhin in Sizilien befindet. weiterlesen ‘In der Psyche eines Mafia-Killers - ein Gespräch mit Girolamo Lo Verso’

Auf Forschungsreise in Sizilien

Posted by Martin Booker © 2008

Falls in der kommenden Woche (17.02.-24.02.2008) keine weiteren Einträge in diesem Blog gemacht werden, hat dies einen Grund: Ich bin mit dem Lehrstuhl Soziologie der Universität Regensburg auf Forschungsreise in Sizilien und schaue dort der Mafia auf die Finger. Wenn ich wieder zurück bin und die Zeit finde, werde ich natürlich an dieser Stelle ausführlich darüber berichten.

Ein Highlight, das uns dort erwartet ist etwa der Besuch bei Rosario Crocetta, dem Bürgermeister der traditionellen Mafia-Hochburg Gela. Das besondere daran: Crocetta ist nicht nur gegen die Mafia, er ist Kommunist und schwul! Er wurde 2002 knapp in das Amt gewählt und 2007 mit ganzen 65 Prozent wiedergewählt.

Auch der Staatsanwalt Guido Lo Forte dürfte ein interessanter Gesprächspartner werden. Mit Sicherheit wird er uns interessante Hintergrundinformationen zur Arbeit der Justiz im Allgemeinen und seinen Ermittlungen im Besonderen liefern können.

“Addio Pizzo” heisst eine Bewegung, die Geschäftsleute davon überzeugen will, den Pizzo (= Schutzgeld) nicht mehr zu zahlen. Wir besuchen das Comitato Addiopizzo, das auch in Deutschland durch zahlreiche Medienberichte bekannt geworden ist. Deren Website (auch auf deutsch) ist www.addiopizzo.org. Man kann sich dort übrigens auch als Unterstützer der Bewegung registrieren oder Geld für die ngo spenden.

Insgesamt nehmen wir (Herr Prof. Dr. Dr. Hettlage, unsere Mafia-Expertin und Organisatorin Frau Dr. Anita Bestler, ca. 12 Studenten und ich) in den sechs Tagen 15 Termine wahr und kehren mit Sicherheit mit einem hohen Wissensgewinn wieder zurück. Es sei denn die ehrenwerten Herren haben etwas dagegen…

Mafia-Serie Teil I: Was will die Mafia?

Posted by Martin Booker © 2008

Fällt das Stichwort “Mafia” fallen uns meist auf Anhieb Assoziationen wie “organisiertes Verbrechen”, “Drogenhandel”, “Schutzgelderpressung” “Pizza-Connection” und ähnliches ein. Dieses durch die Massenmedien verbreitet Bild kratzt jedoch nur an der Oberfläche eines Phänomens, das eine lange Tradition hat und in seiner Herkunftsregion West-Sizilien tief verwurzelt ist.

Doch warum gibt es die Mafia überhaupt? Was wollen die Mafiosi? Welchem Zweck dient die Organisation? Welchen Motiven folgen die “ehrenwerten Männer”? weiterlesen ‘Mafia-Serie Teil I: Was will die Mafia?’

Neue Serie: die sizilianische Mafia

Posted by Martin Booker © 2008

Am kommenden Sonntag begebe ich mich mit dem Lehrstuhl Soziologie der Universität Regensburg auf eine einwöchige Exkursion nach Sizilien. Dem Anlass entsprechend werde ich in den nächsten Tagen und Wochen einige Einträge zu dem Thema “sizilianische Mafia” bloggen und dann auch einige Erlebnisberichte veröffentlichen.

Wer oder was ist die Mafia - jenseits des polemischen Bildes, das die Presse zumeist zeichnet? Welche Funktionen erfüllt sie in der italienischen Gesellschaft? Warum ist sie so schwer zu besiegen? Auf welchen kulturellen Faktoren baut das Phänomen Mafia auf?

Wen diese und ähnliche Fragen interessieren, sollte in den nächsten Tagen und Wochen öfter mal hier reinschauen. Alle Mafia-Artikel erscheinen dann in der Kategorie “Schwerpunkt Mafia” (zwei weitere habe ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt verfasst und bereits dort eingeordnet). Falls Sie über die komplizierte WordPress-Adresse hier gelandet sind: die Seite ist auch über die einfacher zu merkende Adresse www.homosociologicus.de zugreifbar.

Die siegreiche Mafia

Posted by Martin Booker © 2008

Es gibt nicht viele gute Fernsehbeiträge zum Thema Mafia. Dieses Video aus dem Jahre 1998 ist allerdings eine informierte Darstellung der Cosa Nostra und ihrer Funktionsweise. Der Beitrag ist fast zehn Jahre alt, bis heute hat sich aber nicht viel geändert an dem Dreieck von Kirche, Staat und Mafia.

Für diejenigen, die 2001 auf unserer Exkursion nach Sizilien dabei waren, gibt es zwei bekannte Gesichter: Michela Buscemi (”eine Frau gegen die Mafia”) und die vermeintliche Anti-Mafia Bürgermeisterin Maria Maniscalco. In dem Film ist sie eine der wichtigsten Interviewpartner, inzwischen ist jedoch nicht mehr ganz klar, ob sie nicht selbst Verbindungen zur Mafia unterhält, was vor allem zeigt, wie undurchsichtig diese Organisation ist. 23 Minuten, englisch mit italienischen Beiträgen. Der Anbieter hat das Video leider für Einbettungen gesperrt, daher verlinkt das Videofenster direkt zu YouTube.

Verwandter Artikel: Müllberge: Warum Neapel nicht Palermo ist

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