Schöne Aussichten für Sizilien - Ein Interview mit Enrico Bellavia

Posted by Stefan Spiess © 2008

Das kritische Hinterfragen von Informationen ist einer der Kernbereiche der Soziologie. Wir alle kommunizieren miteinander, wir spielen uns gegenseitig etwas vor. Dabei muss das nicht stets mit unlauteren Absichten verbunden sein – Wenn es aber um die Mafia geht, ist ausnahmsweise nicht derjenige der Schuft, der Böses dabei denkt. Enrico Bellavia (La Repubblica, Redaktion Palermo) erklärt uns ein Stück weit, wie die italienischen Medien funktionieren, warum ein guter Journalist ein investigativer Journalist sein muss, was ihm die Nähe zu den Menschen bedeutet und wie er im soziologischen Sinne die Rolle der Medien in einem Staat sieht.

Zu Ehren von Enrico Bellavia - Der Kontext, in dem das Berichtete steht

Doch erst einmal ein paar Worte vorneweg. Bellavia würde mir sicherlich nie verzeihen, wenn ich die Informationen nicht in den richtigen Kontext einordnen würde und somit meiner Funktion als informationsregelndem Gatekeeper nicht nachkommen würde.

Martin Booker hat an dieser Stelle ja schon vor einigen Tagen in der Rubrik „soziologischer Humor“ festgestellt, dass es für uns sehr ungewohnt sein kann, wenn wir plötzlich mit unerwartetem Verhalten konfrontiert sind. Die Schweigsamkeit der Sizilianer in bestimmten kritischen Punkten war das für uns zunächst – sehr ungewohnt. Und dann das. Der Mann, den wir treffen würden, war nach Guido Lo Forte der zweite exzellente Rhetoriker, und Freude am Reden scheint er ebenso zu haben, wie am schreiben, und er nimmt kaum ein Blatt vor den Mund.

Enrico Bellavia ist Autor bei der palermitanischen Lokalredaktion der „La Repubblica“, einer großen italienischen Tageszeitung, deren Geschichte selbst höchst interessant ist. Anfang der 90er gab es einen handfesten gerichtlichen Streit zwischen Silvio Berlusconi und Carlo de Benedetti, einem seiner erbittertesten Gegner. Lustig, wie aus zentraleuropäischer Sicht nun einmal manch italienischer Gerichtsprozess vonstatten geht, gewann zunächst de Benedetti im ersten Durchlauf, damit konnte sich Berlusconi nicht zufrieden geben. Er bestach also schlicht über seinen Mittelsmann Cesare Previti die zuständigen Richter – der Deal war wasserdicht. Previti wurde wegen Bestechung verdonnert, Berlusconi hatte das Glück, dass Bestechung über Mittelsmänner schneller verjährt (Die Berliner Zeitung titelte am 11.12.2004 Gelaufen wie geschmiert). Und so sitzt heute seine Tochter Marina an der Spitze der fraglichen Mediengruppe „Arnolde Mondadori Editore“, und ist somit mittelbar auch Bellavias Chefin. (Arte wird am 13.04.2008 um 13:00 eine Dokumentation darüber zeigen.)

So viel dazu. Die Repubblica ist auf jeden Fall als ein recht linkes Blatt bekannt, man schreibt also anders als die meisten Printmedien auch reichlich über die so genannten „Schwarzen Nachrichten“, also diejenigen Meldungen, die die Mafia und das organisierte Verbrechen allgemein betreffen. Das ist nicht leicht auf Sizilien, wie auch im Rest Italiens dem investigativen Journalisten, der sich mit den falschen anlegt, mehr als nur ein Maulkorb droht.

Ein letztes zum Ambiente, bevor wir uns dem knallharten soziologisch inspirierten Journalismus über den Journalismus zuwenden. Wir befinden uns in der via Principe de Belmonte, einer recht imposanten Meile in der palermitanischen Altstadt. Es wird in der Redaktion viel geraucht, die hektische Betriebsamkeit eines Bienenstockes greift um sich. Enrico Bellavia betritt die soziologische Bühne und es ist klar, dass er sicherlich einen gehörigen Anteil sowohl an den Rauchschwaden als auch an der Hektik hat.

Berlusconitalia - i medie e la malavita

Er beginnt damit, uns zu erläutern, wie sich ihm die italienische Medienlandschaft darstellt. Davon, dass die Medien, besonders diejenigen unter Berlusconi (Sie erinnern sich an die Einleitung? Wem die Repubblica gehört?) ein Klima des unkritischen Konsums verbreiten (Dass das mit dem Konsum auch anders geht, ich verweise an dieser Stelle nochmals darauf: AddioPizzo) Die Menschen wollen all das haben, was sie in den Seifenopern sehen, und man finanziert das großzügig über Kredite mit ebenso großzügigen Zinsen. Dieser Wucher ist neben dem Pizzu eine der besten Einnahmequellen der Mafia, und dabei kann sie auch noch schmutziges Geld in sauberes Geld verwandeln. Ich wiederhole mich nur ungern, doch, auch hier ist wahrscheinlich wiederum nicht derjenige der Schuft, der Böses dabei denkt.

Wer Akte X mochte, der wird sich nun gleich bestätigt sehen. Bellavia spricht offen davon, dass es eine Abteilung für Desinformation beim italienischen Geheimdienst gäbe. Was dran ist, ist fraglich. Wenige Tage später erklärt uns ein Psychologe, dass die Mafia ein Meister der Mythen und Legenden sei, und ein Historiker erzählt uns von Gladio. Ein wenig mulmig wird einem da schon. Umso größer der Respekt für Enrico Bellavia. Und umso wichtiger, dass Bellavia da hin fährt, wo Dinge geschehen, um sich selbst ein Bild zu machen. (Gruß an Professor Hettlage für “Die Standortgebundeheit menschlichen Denkens“)

Wer nichts weiss, muss alles glauben - Warum man als Journalist nahe an den Menschen und der Wahrheit sein muss

Er berichtet uns, dass in seinen Augen ein Journalist nahe an den Menschen sein müsse, er selber fahre oft mit dem Auto hinaus zu den Menschen in die Stadt, wenn etwas geschehen sei. Er sieht sich, und das sagt er selber so, als einen Gatekeeper der Informationen. Als jemanden also, an dem die Wahrheit erstmal vorbei muss, bevor sie sich als solche verkaufen darf. Er empfindet es als ausgesprochen unangenehm, wie viele seiner Kollegen einfach nur die Leser mit wahllos zusammengestellten, nicht in einen Kontext eingebundenen Nachrichten bombardieren. Er selber, so sagt er, ist der Auffassung, dass nur investigativer Journalismus gut sein könne, und er nennt ein Beispiel.

Wenn an mich jemand eine Geschichte über einen Politiker heran trägt, der mit einem Transvestiten gesehen worden sei, und das mag sogar stimmen, dann frage ich mich: Warum tut er das gerade jetzt, gerade jetzt erst, wo sich dieser Mann zur Wahl für ein wichtiges Amt stellt? Und: Warum hat er erst jetzt ein Interesse daran, diese Meldung veröffentlicht zu sehen? Und: Wer ist das überhaupt, der mir diese Information zugetragen hat?

Die Frage nach seinen Quellen kommt auf, und es ist ein heikles Thema. In Italien gibt es keinen Quellenschutz für die Presse, der staatlich festgelegt wäre. Er besteht nur durch einen Konsens unter den Journalisten, dass das nicht zum guten Ton gehört, aber im Zweifelsfalle nützt dies nicht viel.

Und die Motive? Und die Angst?

Zuletzt fragen wir ihn, warum er Journalist geworden ist. Sein Vater sei ein Mafiaopfer gewesen, das habe seinen Widerstand genährt. Er sei nicht von der Mafia getötet worden, aber eben ein Mafiaopfer gewesen. Und er habe sehr jung damit angefangen, zunächst beim Fernsehen, dann bei anderen Zeitschriften, und nun eben bei der Rpubblica, die zahle gut und er dürfe frei schreiben.

Wir fragen, ob er keine Angst habe, und warum er das mache, sich dem Staat, der Wirtschaft, der Mafia und einer Großzahl von Kollaborateuren und Nutznießern, und schließlich noch der absolut fatalistisch ergebenen Masse der Sizilianer und Sizilianerinnen entgegenstellt, und unangenehmes schreibt.

Ein Journalist macht das so lange, wie er daran glaubt, und davon leben kann.

…sagt er. Und Angst müsse man nur haben, wenn man alleine dasteht. Dann aber richtig, dann schlägt die Mafia zu.

Davon leben können… und davon reden können.

Dass er es am Anfang so eilig hatte ist schon lange vergessen. Wir hören im Laufe des Gespräches auch von der prekären Lage der kleinen Lokaljournalisten auf dem Land, die über absolut alles berichten müssen, weil sie nur 2,50€ pro Artikel bekommen. Dass so einer dann natürlich gerne vom “investigativen” Journalisten zum Pressesprecher eines lokalen Bürgermeisters oder Mafioso avanciert, und dass man das auch irgendwie verstehen könne. Es ist wieder einmal einer der Momente, in denen einige von uns zwischen einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und einem Gefühl der Ehrfurcht für Menschen wie Bellavia, die jungen und alten friedlichen Haudegen von AddioPizzo, die Frauen aus Catania, die seit den 60ern für ihre Rechte kämpfen und nicht zuletzt Rosario Crocetta, der sein Leben in die Waagschale legt, schwanken.

Eine letzte Feststellung im erzählerischen Teil sei erlaubt: Bellavia warnt sozusagen vor der omertá. Ein Journalist, der ein Geheimnis mit sich herumtrage, sein ein lohnendes Ziel für die Mafia. Besser, er nimmt es mit ins Grab, bevor es andere erfahren. Sein Geheimrezept darum: Sofort publizieren.

Zurück zum Elfenbeinturm - Sind wir ehrlich, ein bischen lieben wir ihn schon

Soziologischer Journalismus aus, wissenschafltliches Resumée an:

  • Enrico Bellavia entstammt einer eher wenig betuchten Familie. Er hat nichts studiert oder dergleichen, er begann bereits mit 18 seinen Aufstieg im Journalismus. Ein harter Konter für eine unserer Arbeitshypothesen: Die sizilianischen Revolutionäre könnten dem gehobenen Bildungsbürgertum entstammen, und sozusagen einen “zentraleuropäischen, demokratisch-aufklärerischen Funken” nach Sizilien importiert haben. Eigentlich erfreulich, dass diese Form von Zentraleurozentrismus sich nicht bewahrheitet hat. Seine Einstellung und seine Neugier scheinen die Triebfedern seiner Arbeit zu sein.
  • Auch Bellavia warnt: Menschen, die alleine stehen, sind geliefert. In so fern scheint es also durchaus ein Lösungsansatz zu sein, was beispielsweise AddioPizzo treibt, und möglicherweise vergebliche Liebesmüh’, was Rosario Crocetta in seiner One-Man-Show “Crocetta allein gegen die Mafia” unternimmt. Partikularismus ist nicht gut, wenn man gegen ein Netzwerk antritt.
  • Die Omertá ist ein zweischneidiges Schwert. Schweigsamkeit verdammt einen zu einer Form von Einsamkeit. Zumindest besitzt man dann einsames Wissen, und man ist eine leichte und präzise zu beseitigende Beute für Organisationen, die zu allem bereit sind. Es scheint sich also bei dieser speziellen Form des omertá-Aushebelns um eine Form der sozialen Risikostreuung zu handeln.
  • Journalisten wie Bellavia sind einem demokratischen Staatssystem ein Segen. (Man kann zur Demokratie stehen, wie man will, das ist hier gleich.) In einem clientelistischen, oligarchischen oder clandestinen System, oder gar in einem abenteuerlichen Cocktail wie dem sizilianischen Staat, sind sie aus systemischer Sicht Fehl am Platze. Bellavia sagte: Journalismus muss nicht nur Informazione sondern auch Formazione sein, was so viel wie Bildung bedeutet. Nicht umsonst werden die Medien auch oft als vierte Staatsgewalt bezeichnet.
  • Und zu guter Letzt: Das Rollenspiel und die Hinterbühne. Wir sehen ein weiteres Mal, die Sizilianer spielen ganz andere Rollen als wir. Und sie betonen die Hinterbühne weit mehr. Was der Zuschauer nicht weiss, kann hier tödlich sein, was er weiss aber ebenso. Ein System des völligen Misstrauens, weil man als Betrachter niemals weiss, ob die Rolle eines anderen nun eine ist, die “ehrlich gemeint” ist, oder eine, die einem zum Nachteil gereichen wird. Das ist das Gift, an dem die Antimafiabewegungen so oft scheiterten, Misstrauen und Verrat. Die Gesichtslosigkeit von AddioPizzo kann hier also möglicherweise ein lebensrettendes Instrument sein. Crocetta hingegen ist vielleicht schon zu weit auf der Seite des Martyriums gelandet. Man wird sehen.

Mit freundlichem Gruß an den geduldigen Leser

Stefan Spiess (der auch das © an diesem Artikel innehat) ;-)

Für Weiterleser und Überprüfer… (Im Text bereits eingebaute Links sind nicht nochmals aufgeführt. Alle Links öffnen in einem neuen Fenster.)

Englischer Wikipedia-Artikel über die Mediengruppe Mondadori

Deutscher Wikipedia-Artikel über die Mediengruppe Mondadori

Referenzartikel auf www.bornpower.de

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