Posted by Martin Booker © 2008
“Gleicheit ist nicht gerecht” behauptet der Berliner Politikwissenschaftler Klaus Schroeder in einem Interview mit der ZEIT und verbreitet einige kontroverse Ansichten zu den Themen Ungleichheit, Gerechtigkeit und Armut. Er zweifelt gängige Statistiken an und hält die Darstellung von Armut in Deutschland für übertrieben. Vielmehr, so Schroeder, brauche es eine “produktive soziale Ungleichheit”, um das Streben nach Erfolg und sozialem Aufstieg zu fördern.
Klingt nach starkem Tobak und hat in den Kommentaren viele Gegenreaktionen provoziert. Dennoch und trotz einiger handwerklicher Schwächen in der Argumentation (falsche Statistiken etc.) finde ich das Interview äußerst interessant. Insbesondere dass Schroeder die mangelnden Aufstiegschancen und damit die Zementierung der Klassengesellschaft in Deutschland im Zusammenhang mit einem Übermaß an staatlicher Absicherung sieht, halte ich nicht nur für eine spannende These, sondern, soweit ich das beurteilen kann (als jemand, der seine Magisterarbeit über den Sozialstaat geschrieben hat), für zutreffend. Zitat:
“Die andere Form der sozialen Mobilität ist der Aufstieg einer jeden Person innerhalb eines Lebens – man nennt das auch Karryemobilität. Die ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Industriestaaten bemerkenswert gering. Schuld sind die strikten Kündigungsregeln, die zu enge Verzahnung von Bildungs- und Beschäftigungssystem und die Abgeschlossenheit gewisser Sektoren der Gesellschaft. Es gibt beispielsweise kaum Wechsel von der Wirtschaft in die Politik und umgekehrt. Auch Quereinsteiger sind in Deutschland seltener als in anderen Ländern.”
Das klingt mal wieder nach einem klassischen Fall von “nicht-intendierten Nebenfolgen intendierten Handelns” (Robert K. Merton). Kündigungsschutz und eine gute Ausbildung - so die politsche Intention - sollen die Stellung der Arbeitnehmer/-innen in der Gesellschaft stärken. Möglicherweise führen aber gerade sie auch zu einer Verminderung von Aufstiegschancen und schwächen so die Möglichkeiten von Mitgliedern gerade der Schichten, die eigentlich gefördert werden sollen.
Das gesamte Interview gibt es hier. Auch viele der Kommentare sind sehr informativ.

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