Die Kleinstaaterei und ihre Vorzüge oder: Wie Julius Cäsar die Eurozone schuf

Posted by Martin Booker © 2008

Mit dem neuen Jahr sind auch Malta und Zypern der Eurozone beigetreten. Viele der älteren Mitgliedsstaaten der EU bleiben hingegen weiterhin bei ihren nationalen Währungen. Insbesondere Großbritannien, Dänemark und Schweden üben sich in Euro-Enthaltsamkeit. Immer wieder höre oder lese ich, wie dies als Kleinstaaterei abgetan wird. Europa wächst zusammen und da wird es doch nun wirklich langsam Zeit, dass wir zu einer gemeinsamen Währung finden, die in allen EU-Staaten gilt.

Einmal ganz abgesehen von volkswirtschaftlichen Argumenten, die von Anfang an gegen die Errichtung eines derart enormen und heterogenen Währungsraumes sprachen und sprechen, fallen mir einige Aspekte politischer Kultur auf, die durchaus für ein gesundes Maß an Kleinstaaterei sprechen.

Dies wird deutlich, wenn wir die geographische Teilung des Kontinents in Euro und Nicht-Euroraum betrachten. Es ist dies in etwa die Grenze von Protestantismus und Katholizismus. Alle vorwiegend katholisch geprägten Staaten waren bemüht, von Anfang an dabei zu sein: Frankreich, Italien, Spanien, Österreich, Portugal, Belgien, Irland, Luxemburg. Hinzu kamen Finnland und das halb-katholische Deutschland, später Griechenland und Slovenien und nun eben Malta und Zypern-Süd.

Demgegenüber stand von Anfang an die protestantische Welt: Großbritannien, Schweden, Dänemark, sowie Norwegen, das nicht einmal der EU beitreten wollte. Ob sich Deutschland in einer Volksabstimmung gegen die gute alte D-Mark entschieden hätte, darf bezweifelt werden. Finnland ist zwar protestantisch geprägt, wenn wir aber einen weiteren Schritt zurückgehen, fällt es aus dem Raster.

Die heutige Grenze zwischen Katholizismus und Protestantismus entspricht in etwa der Grenze zwischen römischem Reich und germanischem Stammesland vor gut 2000 Jahren. Julius Cäser und Konsorten eroberten große Teile des Kontinents und hinterließen ganz offensichtlich einen bleibenden Eindruck. Das römische Reich wurde zentral und einheitlich verwaltet, es gab klare Hierarchien und bereits erste Anfänge des Bürokratiewesens. Die Germanen lebten hingegen in Stämmen und kleineren, relativ unabhängigen Städten.

Ähnlich wie das römische Reich ist auch die katholische Kirche aufgebaut. In der unbestrittenen Machtzentrale Rom sitzt der als unfehlbar angesehene Papst und herrscht über ein verzweigtes weltweites Hierarchiesystem. Nicht zuletzt diese Kriterien waren es aber, die den neuen Reiligionsstiftern Martin Luther und Konsorten sauer aufstießen. Der Gläubige sollte nicht in eine straffe Kirchenhierarchie eingebunden sein, sondern direkt vor Gott treten. Wichtiger als die Erfüllung der äußerlichen Kirchenpflichten (analog: der Vorschriften der Bürokratie) war und ist hier die innere Gesinnung (analog: der Sinn von Vorschriften).

Diese Kulturgrenze lässt sich auch in den politischen Kulturen Europas feststellen. Während man in der katholische Sphäre eher auf Staatswesen baute, die zentral verwaltet und hierarchisch gegliedert waren und in denen ein mehr oder weniger effektiver Bürokratieapparat die Herrschaft sichern sollte, setzte man im protestantischen Europa eher auf föderale Strukturen, auf flachere Hierarchien und erst sehr spät auf die Errichtung einer zentralen Bürokratie. In dem letzten Punkt bildet natürlich Preussen die berühmte Ausnahme, was aber auf preussenspezifische Entwicklungen zurückzuführen ist.

Es verwundert daher nicht, dass die katholisch geprägten Gesellschaften auf die Verlockungen des Faschismus in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wesentlich anfälliger waren als die protestantischen - wieder mit der Ausnahme Deutschlands, was aber wiederum auf preussen- und deutschlandspezifische Entwicklungen zurückzuführen ist. Die Ideen des Faschismus und vor allem der Ruf nach einem starken Machtzentrum waren mit der gewachsenen politischen Kultur des Südens wesentlich besser vereinbar als mit der des Nordens.

Und genau diese Staaten waren es dann auch, die sich sehr schnell für den Beitritt zu einer gemeinsamen Währung entschieden. Eine politsche Kultur, die offensichtlich im römischen Reich ihre Wurzeln hat, die nach Reformation und Gegenreformation eine deutlich Religions- und Kulturgrenze hinterlassen hat, scheint auch heute noch einen wichtigen Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben. Dies zeigt einerseits, dass bereits Julius Cäsar zu den Architekten des Euroraums gehört. Andererseits wird aber angesichts der genannten Verirrungen in der Geschichte auch deutlich, dass die sog. Kleinstaaterei sehr wohl ihre positiven Seiten hat, nämlich dann, wenn sich ein Staat weigert, Souveränität abzugeben, nur um an einem fragwürdigen Projekt teilzunehmen.

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