Gender und Rassismus in einer Kollektion - Ein soziologisches Muss für Connaisseurs und Connaisseusen

Posted by Stefan Spiess

Pearl Buck war die vierte Frau, die den Literaturnobelpreis erhielt. Diese Entscheidung war nicht ganz unumstritten. In einer Sammlung von Interviews mit Mike Wallace findet man ein Interview von 1958, was zwanzig Jahre nach ihrem Nobelpreis 1938 ist. Das Thema ist ein soziologisches, was in dem Interview auch gut rauskommt - man spricht über die Frauen in den USA, wie Mike Wallace eingangs sagt “at home, at work, and in love”. [Link zum Film] Nun ist das heute nicht der Jahrestag des Interviews, aber leider bin ich vor heute eben nicht darauf aufmerksam geworden. Wieder einmal geht mein Dank an das Team von Telepolis, das immer wieder auf interessante Dinge im Web aufmerksam macht, die man sonst möglicherweise gar nicht finden würde (In diesem Falle Harald Taglinger.) Das Video findet man hier.

Außerdem cool für den Soziologen: Der damalige “Imperial Wizard” des KKK erklärt die Südstaaten. Damit sind in dieser Sammlung zwei großartige Schlachtfelder der Sozialwissenschaftler interessant dokumentiert. War mir eine Meldung wert. (Gibt da aber auch noch weitere interessante Videos mit interessanten Leuten.)

Ralf Dahrendorf zum Geburtstag

Posted by Martin Booker

Herzlichen Glückwunsch und Happy Birthday von unserer Seite an Ralf Dahrendorf. Der engagierte Wissenschaftler wurde am 1. Mai 1929 geboren und wird heute 79 Jahre alt. Es wäre müßig, all seine Verdienste und alle Stationen seines Lebens an dieser Stelle aufzuführen. Doch wer kann schon von sich behaupten, Mitglied des Deutschen Bundestages, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, EG-Kommissar, Direktor der London School of Economics and Political Science, Mitbegründer der Universität Konstanz und als Baron Dahrendorf of Clare Market Mitglied des britischen Oberhauses gewesen zu sein bzw. immer noch zu sein? Ach ja, mit 16 Jahren hat er sich mit dem Nazi-Regime angelegt und ein sehr geachteter Soziologe ist er natürlich auch, der Baron! Er hat uns das Dahrendorf-Häuschen beschert, Wege aus Utopia gewiesen und nicht zuletzt das Konzept des homo sociologicus nahe gebracht.

Mehr über Dahrendorf z.B. in diesem Wikipedia-Artikel (mit zahlreichen Links). In diesem taz-Interview aus dem April 2008 spricht er über die 68er, die 72er und warum es soziologisch gesehen am besten wäre, wenn Deutschland bei der EM im Sommer bereits in der Vorrunde ausscheidet. In diesem ZEIT-Interview von 2005 spricht er über Deutsche Illusionen. Eine kleine Sammlung von kurzen Essays des umtriebigen Liberalen gibt es auf dieser Seite.

Für eingefleischte Fans und solche, die es werden wollen gibt es schließlich ein etwas älteres, aber äußerst einsichtsreiches 50-minütiges Video-Interview im Rahmen der Berkeley Conversations with History. Dahrendorf ist zur Zeit Forschungsprofessor am Wissenschaftskolleg Berlin und Vorsitzender der Zukunftskommission des Landes Nordrhein-Westfalen.

Ralf Dahrendorf, alles Gute zum Geburtstag und hoffentlich viele weitere produktive Jahre!

Shakespeare versus Bacon - Ein Enthüllungsvideo der Wissenschaftlergruppe “Whitest Kids U Know”

Francis Bacon ist zugleich Vordenker und Rätsel der Wissenssoziologie. War er der Urheber von Shakespeares Werken? War er ein Kopist seines sehr viel früher lebenden Namensvetters Roger Bacon (Francis’ Idola sind nahezu deckungsgleich mit Roger’s offendicula)? Martin hat heute seine Reihe über Wissenssoziologie eingeleutet, ein guter Zeitpunkt, einen der Vorreiter mal etwas genauer unter die analytische Lupe zu nehmen. Zunächst einmal allerdings (während ich meine Materialien zu Sir Francis Bacon, Lord Keeper of the Seal und späterer Lord Chancellor seiner Majestät zusammenkrame…) ein erstaunlicher Film, der bereits einige hinweise zur Lösung der Shakespeare/Bacon-Frage geben könnte…

Was ist eigentlich Wissenssoziologie?

Posted by Martin Booker

Für die kommenden Wochen habe ich einige Beiträge zum Thema Wissenssoziologie geplant. Was jedoch steckt hinter dem hehren Namen? Welche Schlüsselkonzepte haben Wissenssoziologen in die Wissenschaft eingebracht? Und wer waren/sind überhaupt die Protagonisten dieser Theorie-Richtung?

Um diesen Artikel kurz und knackig zu halten, muss auf eine umfassende Darstellung des Themas verzichtet werden. Ich verweise hierfür auf einschlägige Lexika-Artikel und Einführungsbände zu dem Thema. Der Wikipedia-Artikel “Wissenssoziologie” ist zwar interessant zu lesen, weist jedoch erhebliche Lücken auf. Insbesondere Alfred Schütz und Thomas Kuhn aus dem Artikel heraus zu lassen, offenbart klare Defizite (Stand 30.04.2008 - Ich hoffe, ich komme demnächst dazu, den Wikipedia-Artikel zu überarbeiten).

Im Kontext der geplanten Beiträge auf diesem Blog ist vor allem die sog. Neuere Wissenssoziologie um Alfred Schütz, Peter L. Berger und Thomas Luckmann interessant (für die “ältere” und den Vorläufern in der Philosophie verweise ich dann doch auf den Wikipedia-Artikel). Berger/Luckmann gaben 1966 ihr Hauptwerk “Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit” heraus. Darin versuchten sie zu analysieren, wie die Wirklichkeit, in der wir leben, die wir für gewöhnlich als selbstverständlich ansehen, sozial vermittelt wird. weiterlesen ‘Was ist eigentlich Wissenssoziologie?’

Newsticker Soziologie - Rating Soziologie in Deutschland durch den Wissenschaftsrat

Posted by Stefan Spiess

Juppie! Es wurde wieder gerankt. Eigentlich sagt man in diesem Falle “Rating”, weil der Veröffentlicher der Studie, der deutsche Wissenschaftsrat, die Liste für den Verbraucher nicht vorsortiert hat. Gerated wurden die Soziologie und die Chemie. Dieser Artikel versucht, ein wenig in die Problematik von Ratings in den Sozialwissenschaften einzuführen. In gewissem Maße gelten alle genannten Probleme natürlich auch für die Naturwissenschaften, jedoch sind sie hier nicht so leicht und salopp darstellbar, weshalb hier der Fokus auf dem Rating als eine “Soziologie der Soziologie” liegt. (Hierzu zwei interessante Artikel in der FAZ [1], [2]) weiterlesen ‘Newsticker Soziologie - Rating Soziologie in Deutschland durch den Wissenschaftsrat’

Soziologie-Fanshop öffnet die Pforten

Posted by Martin Booker

Ab sofort betreibt dieses Blog auch einen kleinen Fan-Shop von Soziologen für Soziologen. An den Start gehen wir mit einer Fußball-Elf aus Soziologen. In der Startaufstellung:

Im Tor:
1 Auguste Comte

Die beinharte Vierer-Abwehrkette:
2 Karl Marx
3 Pierre Bourdieu
4 Georg Simmel
5 Emile Durkheim

Das Mittelfeld verspricht Flair:
6 Max Weber
7 Niklas Luhmann
8 Talcott Parsons
10 Michel Foucault

Im Sturm schließlich mit dem soziologischen Killerinstinkt:
9 Robert K. Merton
11 Erving Goffman

Die Trikots tragen jeweils die entsprechende Nummer auf dem Rücken und ein ausgesuchtes kleines Zitat auf der Brust. Zum Shop und zur Ansicht aller T-Shirts gehts mit diesem Link oder in der oberen Leiste auf dieser Seite. In den kommenden Wochen werde ich an dieser Stelle die einzelnen Spieler noch etwas genauer vorstellen.

Die Idee, Fußballshirts mit Soziologen anzubieten hatte ich übrigens von dem englischen Anbieter philosophyfootball.com (credit where credit is due), der T-Shirts mit vorwiegend philosophischen Motiven anbietet.

Und hier schließlich der berühmte Sketch von Monty Python, der hinter der Idee des Soziologen- bzw. Philosophen-Fußballs steckt (in zwei Teilen). Herrlich, wie Marx kurz vor seiner Einwechslung noch sein Manifest auf die Bank wirft!

Mit dem US Militär unterwegs im “Human Terrain” - Soziologisches Wandern mit dem Gewehr im Anschlag

Posted by Stefan Spiess - Aufmerksam geworden durch einen Artikel (”Anthropologisierung des Militärs“) von Florian Rötzer bei Telepolis

Der alte Max hat ja gemeinsam mit seinem Bruder einen feinen Werturteilsstreit losgetreten, das sagt den Soziologen was, aber in ein paar Worten für die Nicht-Soziologen: Darf der Sozialwissenschaftler in irgendeiner Weise nicht objektiv sein? Nein, sagt der Max, darf er nicht, er muss ständig objektiv sein, so objektiv wie möglich eben… und da beisst sich die Soziologie ein wenig selber, denn wie objektiv kann denn der Mensch nun sein, wenn er eben in genau das am stärksten eingebunden ist, über das er referiert? Nun gibt es das in harmloser Form, wenn beispielsweise ein Sozialwissenschaftler zum Spaße die Eissortenpräferenzen seiner Bekannten auslotet - da mag er einfach subjektiv und selektiv den Schokoladeneisessern mehr Aufmerksamkeit widmen, viel Schaden entsteht da nicht. Aber was passiert denn, wenn man als Sozialwissenschaftler mit der US-Army auf Reisen geht, um das “Human Terrain” eines Landes zu erkunden und darzustellen, um einen “reibungsloseren” Krieg zu ermöglichen?


Anthropologen bei der Arbeit?

Naja, Max Weber mal kurz bei Seite gelassen. Soziologisch relevant ist es allemal, wenn zunächst einmal in krasser Symbolhaftigkeit das von Bill Clinton gegründete Institute for Peacekeeping von George Bush dichtgemacht wird, und dann kurze Zeit später von eben jenem als Peacekeeping and Stability Operations Institute wiedergegründet wird. So wie früher die Christen ihre Kirchen auf heidnischen Gebäuden errichteten, baut George eben sein eigenes Peacekeeping Institute auf dem alten von Bill.

Zwei Links noch, die einem als “Nicht-Soziologen” den Ball zuspielen, um ein bisschen soziologisch zu denken, während man sich dem Artikel von Herrn Rötzer widmet:

Stefan Spiess ©2008

Kant über Onanie

Posted by Martin Booker

Warum wurde Onanie zu einem Tabu-Thema und ist es bis heute geblieben? Was hat diese Tabuisierung mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu tun? Und warum nährte einst ein erhöhter Buch-Konsum - ähnlich wie heute ein hoher Internet-Konsum - den Verdacht der Selbstbefriedigung?

Diese und viele andere Fragen beantwortet der Kulturwissenschaftler Thomas W. Laqueur in einem Interview mit der ZEIT. Laqueur hat ein Buch über Masturbation geschrieben (”Solitary Sex”, dt. “Einsame Lust”) und erklärt u.a. den Zusammenhang von Aufklärung und dem Kampf gegen die Zügellosigkeit der Selbstbefriedigung:

Laqueur: Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Für die Aufklärer gaben nicht Religion oder Staat moralische Maßstäbe vor, sondern das Individuum im Zusammenspiel mit anderen Individuen. Wer masturbiert, verriet nach ihrer Ansicht dieses hehre Prinzip. Er gibt sich einem rein ichbezogenen – und damit unsozialen – Vergnügen hin. Im deutschen Wort Selbstbefleckung steckt all dies drin. Der Onanist befleckt das höchste, sein Selbst. Typisch ist die Aussage Kants…

ZEIT: …selbst den Philosophenkönig trieb die Selbstbefriedigung um?

Laqueur: Für Kant war Selbstbefriedigung schlimmer als Suizid. Anders als beim Selbstmord, bei dem das Individuum aus freien Stücken in echter Verzweiflung handelt, ist der Onanist ein willenloses Objekt seiner Begierde.

Das gesamte ZEIT-Interview findet sich hier. Mehr über Thomas W. Laqueur und seine zahlreichen Publikationen, v.a. zur Kulturgeschichte der Sexualität, auf seiner Seite an der University of California, Berkeley. Einen schönen Eintrag bei Wikipedia über Laqueur und seine Theorien gibt es auch.

Flashmobs - die Krisenexperimente des Web 2.0

Society is an insane asylum run by the inmates.

Erving Goffman

Schade, dass Erving Goffman das Zeitalter der Flashmobs nicht mehr miterleben durfte, er hätte wohl seine wahre Freude daran gehabt! Ein Flashmob bezeichnet einen scheinbar spontanen, meist über Internet und/oder per SMS organisierten Menschenauflauf, der auf ein Signal hin eine nach geltenden Normen ungewöhnliche Aktion durchführt. So fangen die Teilnehmer etwa plötzlich an zu tanzen (mit oder ohne Musik), erstarren für mehrere Minuten in ihren Bewegungen oder kaufen zum selben Zeitpunkt im selben Geschäft dasselbe Produkt (so etwa die berühmt gewordenen 10.355 Hamburger in einem Berliner Schnellrastaurant).

Sinn dieser Aktionen? Meistens keiner. Als Erfinder der Flashmobs gilt der New Yorker Journalist Bill Wasik. Am 3. Juni 2003 versammelten sich “mehr als Hundert Teilnehmer in einem Kaufhaus um einen Teppich. Den Kaufhaus-Mitarbeitern teilten sie mit, dass sie einen „Liebes-Teppich“ suchten und Kaufentscheidungen grundsätzlich gemeinsam träfen. Danach versammelte sich eine noch größere Gruppe in einer Hotel-Lobby und applaudierte exakt 15 Sekunden, schließlich strömten die Teilnehmer in ein Schuhgeschäft und gaben sich dort als Touristen aus. Bill Wasik hat in einem Artikel im März 2006 bekundet, seine Absicht sei gewesen, hippe Leute vorzuführen, die in einer Atmosphäre der Konformität nur danach strebten, Teil der „nächsten großen Sache“ zu werden, egal, wie sinnfrei diese sei.” (Zitat aus dem Wikipedia Artikel “Flashmob”.)

Goffman hätte wohl besonders die Verletzung der Interaktionsordnung interessiert. Die geltenden Normen werden für kurze Zeit ausser Kraft gesetzt und unbeteiligte Passanten wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. In diesem Video etwa treffen sich die Teilnehmer des Flashmob in einem Supermarkt in Manchester und, auf ein Geräuschsignal hin, erstarren in ihren Bewegungen, wie sie gerade stehen. Wenig bedrohlich - die meisten unbeteiligten Passanten tun so, als wäre nichts besonderes (sehr britisch, nehme ich an). In jedem Fall eine skurrille Szene: Ist die Zeit stehengeblieben?

Heute lief die Meldung von einer ersten Verhaftung über die Newsticker. Ein Flashmob hatte sich am Thomas Jefferson Memorial in Washington versammelt und wollte den Geburtstag des Verfassungsvaters feiern. Die Beteiligten - mit IPod am Ohr und jeweils eigenem Soundtrack - tanzten in aller Stille in den feierlichen Hallen des Memorials. Wie reagiert man auf diesen unerwarteten Bruch der geltenden Interaktionsordnung? Die Sicherheitsbeamten sind mit der Situation offensichtlich überfordert und reagieren mit der Verhaftung einer der friedlichen Flashmobberinnen. Sehr zum Unmut der Beteiligten natürlich (Warning: strong language):

Das Ganze erinnert stark an die sog. Krisenexperimente von Garfinkel, Goffman & Co. Durch ein übertriebenes Einhalten oder eine offensichtliche Verletzung von geltenden Normen woll(t)en v.a. Enthnomethodologen und Symbolische Interaktionisten die Handlungsnormen zum Vorschein bringen, denen wir im Alltag routinemäßig folgen ohne darüber nachzudenken.

Die Organisatoren von Flashmobs haben zwar wohl nur selten diese sozialwissenschaftliche Motivation, dennoch zeigen die Aktionen - manche mehr, manche weniger - genau diese Normenordnungen auf und halten ihr den Spiegel vor. Und weil das Web 2.0 alles so leicht macht und neue Medien so billig sind, können die Ergebnisse in kürzester Zeit für alle zugänglich auf YouTube u.ä. veröffentlicht werden. Würde Goffman noch unter uns weilen, er würde höchstwahrscheinlich viel Zeit im Internet verbringen!

Martin Booker © 2008

Emile Durkheim zum 150. Geburtstag

Posted by Martin Booker

Bon anniversaire, Émile Durkheim! Der große Soziologe erblickte am 15. April 1858 das Licht der Welt und wäre heute 150 Jahre alt geworden. Mit seinen Regeln der soziologischen Methode, seinen Studien über die soziale Arbeitsteilung und die elementaren Formen religiösen Lebens legte er die Grundlagen für eine vornehmlich strukturalistisch-funktionalistische Soziologie, die etwa in den Werken Marcel Mauss’, Claude Levi Strauss’, Michel Foucault oder Pierre Bourdieu widerhallt. Talcott Parsons, Edward E. Evans-Pritchard, Anthony Giddens oder in Deutschland René König und Alphons Silbermann sahen und sehen sich ebenfalls in der Tradition des großen Denkers.

Meine erste Begegnung mit Durkheim war “der Selbstmord”, der im ersten Semester im Einführungskurs “Soziologische Theorie” zu den gelesenen Pflichttexten gehörte und der wohl beispielhaft ist für die Stärken der Durkheim’schen Soziologie. Er weist darin eindrucksvoll und mit empirischen Methoden nach, wie selbst eine Entscheidung, die wir für gewöhnlich für eine höchst persönliche Angelegenheit halten, in hohem Maße unter dem Einfluss von gesellschaftlichen Faktoren steht.

Die Selbstmordrate variiert je nach Religion, sozialer Schicht, bis hin zum Wetter und der wirtschaftlichen Situation des Landes. Was heute fast wie eine Selbstverständlichkeit klingt, hat Durkheim 1897 erstmals systematisch nachgewiesen. Ich persönlich fand den Nachweis am beeindruckendsten, dass es in Kriegszeiten weniger Selbstmorde gab als zu Friedenszeiten - Durkheim führte dies auf einen verstärkten sozialen, nationalen Zusammenhalt zurück. Berühmt geworden ist aus diesem Werk auch seine Klassifizierung von egoistischem, anomischen, altruistischen und fatalistischen Selbstmord, sowie das Konzept der Anomie, das er hier eingeführt hat.

Schon früh fing ich das Durkheim-Feuer und beschäftigte mich bald mit seiner Religionssoziologie, las über seine Interpretation der Totem-Religionen Australiens, einem Land, das er nie betreten hatte. Durkheim legte hier die Grundlagen einer funktionalistische Lesart von Religion, die bis heute eine Herausforderung für jeden Theologiestudenten darstellt.

Für aktuelle Diskurse besonders interessant ist Durkheims Werk über die Soziale Arbeitsteilung aus dem Jahr 1893. Der große Denker beschrieb, wie sich unter den Bedingungen zunehmender Arbeitsteilung auch ein stärkerer Individualismus herausbildete. Dabei kam es, so Durkheim, zu einer paradoxen Situation: Denn einerseits führte die Ausdifferenzierung und Spezialisierung zu immer individuelleren Lebensbereichen und förderte individualistische Persönlichkeitmerkmale. Andererseits war der Einzelne immer stärker von den Anderen und deren ausdifferenzierten Arbeitsleistungen abhängig. Freisetzungsprozesse einerseits, neue Abhängigkeiten andererseits - der geneigte Leser soll selbst entscheiden, wer tatsächlich als geistiger Vater der aktuellen Individualisierungsdiskussion gelten darf!

Dieses kleine Artikelchen kann die großen Verdienste dieses großen Soziologen nur anschneiden und keineswegs ausreichend würdigen. Ich verweise daher auf den guten Artikel in Wikipedia mit weitergehenden Literaturverweisen und das Emile Durkheim Archive, einer Seite, die sich dem Altmeister gewidmet hat, seine Schlüsselkonzepte vorstellt und reichlich mit Durkheim-Zitaten würzt (englischsprachig). Um weitere Links zu interessanten Durkheim-Seiten wäre ich sehr dankbar.

Émile Durkheim starb am 15. November 1917 im Alter von 59 Jahren.

Bildquelle: Wikipedia

Wahlen in Italien: Die Wahlstimmentricks der Mafia

Posted by Martin Booker

Wie heute in der SZ zu lesen ist, wird es den Italienerinnen und Italienern bei den Wahlen morgen verboten sein, Fotohandys oder Fotoapparate mit in die Wahlkabinen zu nehmen (zum Artikel). Dies soll eine in vielen Gebieten v.a. Süditaliens übliche Praxis der Mafia unterbinden. Die nämlich zahlt den Wählern kleinere Beträge, wenn sie ihre Stimme an einen bestimmten Kandidaten geben. Und dokumentieren kann man das eben am besten, wenn man vor der Stimmabgabe in der Wahlkabine noch schnell ein Foto des richtig ausgefüllten Stimmzettels macht und anschließend dem vor dem Wahllokal wartenden Mafioso zeigt.

Die Mafia in Italien gilt vielen als bewaffneter Arm der Politik. Viele Regierungen der Vergangenheit (insbesondere jene der Christdemokraten) konnten sich auf eine hohe Zustimmung aus dem Süden des Landes stützen. Abgeordnete kauften Stimmen von der Mafia und ließen ihr und ihren Handlangern im Gegenzug öffentliche Aufträge zukommen oder intervenierten, wenn die Justiz mal wieder zu neugierig wurde. Die Mafia ist also nicht unbedingt (bzw. nicht nur) ein Staat im Staat und tritt in Konkurrenz zu ihm. Vielmehr ist sie mit dem Staat und der Politik selbst sehr eng verbunden und kooperiert bisweilen mit ihr. Der Staat ist in Italien teilweise selbst die Mafia. Dies gilt übrigens insbesondere für die N’drangheta in Kalabrien, in weniger starkem Maße für die Mafia in Sizilien, noch etwas weniger für die Camorra in Kampanien. In Russland etwa und in vielen Osteuropäischen Ländern finden sich ähnliche Strukturen.

Doch auch das Fotohandyverbot wird die Wahlbetrüger nicht stoppen. Eine andere, traditionellere Methode der Mafia, die “richtige” Wahl festzustellen und anschleißend zu belohnen, funktioniert folgendermaßen: Ein Mitarbeiter des Wahllokals schmuggelt einen Stimmzettel aus dem Lokal. Ein Herr der “ehrenwerten Gesellschaft” füllt nun den Bogen mit der/den gewünschten Stimmen aus und postiert sich vor dem Wahllokal. Der ausgefüllte Stimmzettel wird an einen bereitwilligen Wähler gegeben, der in das Wahllokal geht, heimlich den manipulierten Zettel einwirft und mit dem eigenen, noch leeren Stimmzettel wieder herauskommt und dem Mafioso aushändigt. So kann er sicherstellen, dass der oder die Wähler/in auch den oder die Richtige/n gewählt hat. Der leere Stimmzettel wird wiederum von dem “Ehrenmann” ausgefüllt und an den nächsten weitergegeben. Das Spiel beginnt von vorne.

Übrigens sind am Sonntag auch Wahlen zum Provinzparlament in Sizilien - und auch dort geht es um viel und unter anderem um die Frage, ob der Mafia weitere entscheidende Schläge verpasst werden können. Dazu mehr in den nächsten Tagen. Bis dahin verweise ich auf unseren “Schwerpunkt Mafia“, unter dem bereits zahlreiche Artikel zu dem Thema erschienen sind.

Chinas Umweltkatastrophe: Von den Krebsdörfern an den Ufern des Huai

Posted by Martin Booker

Fünf der zehn am stärksten verschmutzten Städte der Welt liegen in China. An verseuchten Flussläufen sind “Krebs-Dörfer” entstanden, in denen ganze Familien seuchenartig von Krebserkrankungen dahingerafft werden. China exportiert sauren Regen nach Korea und Japan, verschmutze Luft nach Kanada und verseuchte Flüsse nach Indien. Ein Drittel der Weltbevölkerung bezieht Wasser aus chinesischen Chemie-Flüssen. Dies behauptet zumindest der dritte Teil der BBC-Serie über China.

Der Film zeigt eine Umweltkatastrophe erheblichen Ausmaßes. Mit einem soziologischen Gespür für Machtverhältnisse, Diskurshoheiten, die geltende Gesetzeslage und Gesetzesrealität, schildert die Dokumentation die prekäre Lage. Wie konnten die Notlagen entstehen und warum ist es so schwierig, die Umweltprobleme zu überwinden? Das Team der BBC interviewt Umweltaktivisten, Offizielle der Partei und Wissenschaftler, die sich mit der Problematik auseinandersetzen. Wie auch die anderen drei Teile der Dokumentationsreihe (siehe Kategorie “China”) eine sehr gelungener Bericht mit einem Gespür für die (soziologisch) relevanten Fragen.

1 Stunde, gut verständliches Englisch. Zu dem Video auf googlevideos geht es mit diesem Link.

Alle vier Videos und über 400 Dokumentationen mehr finden sich auch auf der Seite free university in internet.

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